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US-Wahl:Trump vergreift sich an Kriegshelden - und wird von seinen Anhängern gefeiert

Donald Trump

Darf man sich über Kriegshelden lustig machen? Während die einen den nächsten Tabubruch kritisieren, feiern andere Donald Trump für seine rhetorische Heldentat.

(Foto: AP)

Mit seinen abfälligen Äußerungen über Militärangehörige empört der Republikaner - doch das ist nicht die einzige Reaktion. Bei vielen Amerikanern berührt er einen Nerv: Sie sehen Veteranen als Belastung.

Kommentar von Andrian Kreye

Er ist ein Bully, ein Rüpel. Deswegen sucht Donald Trump sich als Ziel seiner Hetze bevorzugt die Schwächsten und vermeintlich Unbeliebtesten der amerikanischen Gesellschaft aus. Das waren bisher Muslime, illegal Eingewanderte und Journalisten. Am Wochenende allerdings ging er einen Schritt weiter und giftete gegen die Eltern eines gefallenen Soldaten. Die hatten Trump während des Parteitags der Demokraten wegen seiner Islamophobie angegriffen. Ihr Sohn Humayun Khan - wie sie selbst ein Muslim - war 2004 als US-Soldat im Irakkrieg gefallen.

Amerika reagierte entsetzt. Gefallene und Veteranen standen bei Wahlkämpfen bisher in den USA unter rhetorischem Schutz. Es war höchstens erlaubt, die militärischen Verdienste eines einzelnen Kandidaten anzuzweifeln.

Donald Trump vergreift sich nicht zum ersten Mal verbal an Kriegshelden. Den republikanischen Senator und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten John McCain verhöhnte er als Verlierertypen. Der war im Vietnamkrieg abgeschossen und dann während seiner Kriegsgefangenschaft gefoltert worden. Im Januar hatte Trump sich mit Veteranenvereinen angelegt, als er behauptete, er habe ihnen sechs Millionen Dollar gespendet, was die Washington Post als Lüge entlarvte.

In der Logik des Trump-Wahlkampfes sind diese Tabubrüche allerdings schlüssig. Er setzt darauf, dass die Islamophobie stärker ist als der Respekt vor den Streitkräften. Die Ressentiments gegen Muslime in Amerika gären seit den Anschlägen des 11. September 2001 nun schon seit fast fünfzehn Jahren. Im Subtext der Angriffe gegen die Familie Khan stellt Trump deswegen ja auch die rhetorische Frage, ob Muslime überhaupt Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte sein sollten.

Veteranen gelten als Helden, als Nachbarn aber sind sie unbeliebt

Tatsächlich ist das Verhältnis der amerikanischen Bevölkerung zu den Veteranen nach den Kriegen in Afghanistan und im Irak keineswegs so ungebrochen wie in den vorhergehenden Jahrzehnten seit der Reagan-Zeit. Eine Umfrage unter Arbeitgebern und Zivilisten ergab im vergangenen Herbst, dass zwar eine große Mehrheit Veteranen als Helden betrachtet. Allerdings fanden nur 26 Prozent aller Arbeitgeber und 22 Prozent aller Zivilisten, dass Veteranen ein Gewinn für ihre Firma beziehungsweise ihre Gemeinde seien.

Das hieße aber, dass die Heldenverehrung nur noch ein patriotischer Reflex ist. Viele sehen Veteranen sogar als Belastung der Gesellschaft. Eine Mehrheit unterstellt ihnen psychologische Probleme, die es ihnen schwer machten, sich nach dem Einsatz an der Front wieder in die Gesellschaft einzugliedern. In dieses Muster passt, McCain als Schwächling zu verunglimpfen und Spenden für Veteranenvereine als lästige Pflicht zu behandeln.

Allerdings stellt Trump so vor allem die Rolle der Streitkräfte als Motor der gesellschaftlichen Integration infrage. Da spannt sich ein weiter historischer Bogen. Der reicht von den schwarzen "Buffalo Soldiers" in den Indianerkriegen über die schwarzen GIs im Zweiten Weltkrieg und die ersten Frauen an der Front im Irakkrieg bis zur Ankündigung der US-Marine letzte Woche, einen Versorgungstanker nach dem Bürgerrechtskämpfer der Schwulen- und Lesbenbewegung Harvey Milk zu benennen.

Für Donald Trump ist die Ablehnung gesellschaftlicher Integration vor allem ein Mittel, um seine weiße, zunehmend verarmende Kernwählerschaft zu motivieren. Die feiert ihn ja gerade wegen seiner Bereitschaft, Tabus zu brechen. Wenn er nun also die US-Streitkräfte attackiert, um gegen Minderheiten zu hetzen, wird ihm das von einigen als rhetorische Heldentat angerechnet. Da aber richtet Trump soziale Langzeitschäden an, die sich keine Gesellschaft leisten kann.

© SZ vom 02.08.2016

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