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US-Wahlkampf: Trump, QAnon und ein netter Abend für Biden

Biden und Trump während des Fernduells

In der Stadthalle von Tampa, Florida, ist auf zwei Bildschirmen das Fernduell von Trump und Biden zu sehen.

(Foto: REUTERS)

Statt eines direkten Schlagabtauschs gab es auf Wunsch des US-Präsidenten ein Fernduell. Das erweist sich als gut für Biden. Trump wird von einer unerbittlichen Moderatorin in die Zange genommen.

Von Thorsten Denkler, New York

Vielleicht hätte US-Präsident Donald Trump doch einem echten TV-Duell zustimmen sollen. Einem Format, wo der Moderator wieder alle Hände voll zu tun gehabt hätte, Trump davon abzuhalten, seinem Kontrahenten Joe Biden ins Wort zu fallen. Jetzt aber sitzt er im PAMM, dem Pérez Art Museum Miami, und muss sich einer Moderatorin stellen, die sich offenbar vorgenommen hat, ihrem Gast so etwas nicht durchgehen zu lassen. Und in Philadelphia kann Joe Biden zur gleichen Zeit ungestört die Pläne für seine Präsidentschaft ausbreiten. Wenn er denn die Wahl gewinnt.

1000 Meilen Luftlinie liegen zwischen dem National Constitution Center in Philadelphia, wo Biden sich für den Sender ABC Fragen aus dem Publikum stellt, und dem Pérez Art Museum Miami, wo Donald Trump im gleichen Format im Sender NBC auftritt. Das hat den Vorteil, dass Trump Biden diesmal nicht ständig unterbrechen kann. Der US-Präsident hat mit dieser Taktik das erste TV-Duell der Kandidaten zur Farce werden lassen. Und Biden dazu verleitet, Trump ein "Shut up, man", halt den Mund, Mann, zuzuzischeln.

Aber das ist jetzt gut zwei Wochen her. Dazwischen ist einiges passiert. Unter anderem lag Trump mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus und wurde mit starken Medikamenten behandelt. Auch seine Frau Melania, sein jüngster Sohn Barron und mehr als 30 andere Personen im Weißen Haus und dessen Umfeld haben sich angesteckt.

Das zweite TV-Duell sollte dann aus Sicherheitsgründen nur virtuell stattfinden. Trump lehnte das ab. Und jetzt muss er sich mit den unerbittlichen Fragen von Savannah Guthrie auseinandersetzen, einer früheren Anwältin, die auf Kreuzverhöre in Zivilverfahren spezialisiert war.

Sie will wissen, wann Trump eigentlich vor seiner Corona-Erkrankung zuletzt negativ getestet wurde. Es ist das erste Mal, dass Trump diese Frage gestellt werden kann. Und sie ist wichtig. Ist er etwa vor zwei Wochen ohne Test in die TV-Debatte mit Biden gegangen? War er ungetestet, als er an dem Samstag zuvor im Rosengarten des Weißen Hauses Amy Coney Barrett als seine Nominierte für das Oberste Gericht der USA präsentierte? Eine Veranstaltung, auf der so gut wie niemand Maske trug und die der oberste Virenbekämpfer der USA, Anthony Fauci, kürzlich zum Super-Spreader-Event erklärt hat.

Trump windet sich. Das könne er nicht sagen, er werde ja ständig getestet, sagt Trump auf diverse Nachfragen. Er wird laut. Er wisse es einfach nicht! Ist er denn am Tag der TV-Debatte getestet worden? Das wisse er auch nicht mehr, seine Ärzte müssten das wissen. Es geht so weiter. Schließlich fragt Guthrie, ob er denn sagen könne, ob er jeden Tag getestet werde. Nein, das werde er nicht.

Wäre dies eine Gerichtsverhandlung mit Geschworenen, Guthrie hätte gerade die Glaubwürdigkeit des Zeugen Trump massiv beschädigt.

Andere Tonlage in Philadelphia

1700 Kilometer nördlich in Philadelphia hat Joe Biden einen vergleichsweise netten Abend. Schon die Tonlage ist eine ganz andere. In Miami rumpelt und kracht es. In Philadelphia werden Themen diskutiert. Klimawandel, Fracking, Frauenrechte, soziale Ungleichheit. Und auch der Supreme Court.

Die größte Kontroverse hat Biden in diesem Wahlkampf noch damit ausgelöst, dass er sich nicht festlegen lassen will, ob er die bisherige Zahl von Sitzen am Supreme Court ausweitet, wenn er gewinnt. Das ist eine Forderung vieler linker Demokraten, denen angesichts der kommenden Übermacht der Konservativen am höchsten Gericht Angst und Bange wird. Mit der zu erwartenden Bestätigung von Amy Coney Barrett im Senat würden sechs konservative Richter nur noch drei liberalen Richtern gegenüberstehen.

Biden beantwortet die Frage wieder nicht. Verspricht aber, dies noch vor der Wahl zu tun. Die Wählerinnen und Wähler "haben das Recht zu wissen, wo ich stehe, und sie haben das Recht zu wissen, wo ich stehe, bevor sie abstimmen", sagt Biden. Mehr wird von dem Abend nicht hängenbleiben. Muss aber auch nicht. Der direkte Trump/Biden-Vergleich macht auch so deutlich, wo die Unterschiede liegen. Biden kann es nur recht sein.

Zurück nach Miami. Guthrie arbeitet sich weiter an Trump ab. Seine wenig vorbildhafte Haltung zum Tragen von Masken, seine falsche Behauptung, ohne ihn wären schon zwei Millionen Menschen in den USA an Covid-19 gestorben. Und nicht "nur" gut 220 000. Alles nicht erfreulich für den Präsidenten, der dem kaum mehr entgegenzusetzen hat, als dass er schon früh die Einreise aus China verbieten ließ.

400 Millionen Dollar Schulden als "Erdnuss"

Es geht auch um seine Finanzen. Warum er nur 750 Dollar Einkommensteuer an den Bund zahlt? Das sei alles nicht wahr, sagt Trump. Lässt dann aber wie nebenher fallen, dass er wohl doch 400 Millionen Dollar Schulden habe. Diese Kredite aber, das seien nur "Gefälligkeiten für Institute, die mir Geld leihen wollten". Kein großes Ding. "A Peanut", sei das. 400 Millionen Dollar, für Trump offenbar nicht mehr wert als exakt eine Erdnuss.

Guthrie will auch wissen, wie Trump zur rechten Verschwörungsorganisation "QAnon" steht. Eine Gruppe, die unter anderem glauben machen will, dass die Demokraten ein pädophiler satanischer Kult seien. Und Trump der Erlöser. Warum er nicht einfach sagt, dass das totaler Quatsch ist, will Guthrie wissen. Trump: "Ich weiß nichts über QAnon, ich weiß einfach nichts darüber." Und weiß dann doch was: "Was ich darüber höre, ist, dass sie sehr entschieden gegen Pädophilie sind, und dem stimme ich zu." Sonst aber wisse er ganz und gar nichts über QAnon.

"Doch, wissen Sie", erwidert Guthrie. Er hat doch gerade erst einen Tweet von denen retweetet. Trump fährt aus der Haut. Warum sie nicht Biden solche Sachen frage, zu Antifa und zu den Plünderungen überall im Land? Guthrie: "Weil jetzt Sie hier vor mir sitzen". "Haha", lacht Trump. "Das ist süß." Der Abend dürfte ihm nicht geschmeckt haben.

30 Sekunden hat Trump am Ende noch zu erklären, warum er eine zweite Chance verdient hat. Er hastet durch seine Liste der Superlative: Bestes Militär, Super-Steuergeschenke für alle. Super-Jobs, Super-Wirtschaft. Und 2021 wird alles noch besser als jemals zuvor! Und Biden? Der steht auf, als die Sendung vorbei ist, und geht auf die Menschen zu, die mit Abstand zueinander im Halbrund vor ihm sitzen. Und er redet weiter, und er diskutiert. Er hört zu. So anders können Kandidaten sein.

© SZ/bix

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