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US-Republikaner:"Unser Land ist in größerer Gefahr als an 9/11"

Republican Presidential Nominee Donald Trump Addresses The Values Voter Summit

Stargast beim "Values Voter Summit" und prominenter Cheerleader für Donald Trump: New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani.

(Foto: Bloomberg)

New Yorks Ex-Bürgermeister Giuliani sieht die USA vor dem Untergang und Trump als einzigen Retter. Der muss nicht mal Abtreibung und Homo-Ehe verdammen, um von Hardcore-Christen bejubelt zu werden.

Von Matthias Kolb, Washington

Als Überraschungsgast beklatscht zu werden, das gefällt Rudy Giuliani. Zwei Tage vor dem 15. Jahrestag der Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon raunt New Yorks Ex-Bürgermeister im Konferenzsaal eines Washingtoner Hotels: "Unser Land ist heute in größerer Gefahr als an 9/11." Das Publikum, 2200 konservative Aktivisten, hört gebannt zu, wie der 72-Jährige US-Präsident Barack Obama und Hillary Clinton attackiert.

Offiziell ist der "Values Voter Summit", bei dem sich evangelikale Christen treffen, eine überparteiliche Veranstaltung, doch alle Anwesenden sind überzeugte Republikaner. Dass Giuliani darüber räsoniert, ob Waterboarding für Terroristen nicht menschlicher sei als von Drohnen beschossen zu werden ("Ich kann ja die Wahrheit sagen und mein Leben retten"), stört hier niemand. Das Publikum teilt Giulianis Überzeugung, dass die USA am besten dran seien, wenn sie die Gegner attackieren: "Heute warten wir nur darauf, angegriffen zu werden."

Anstatt seinen Ruhestand zu genießen, gibt Giuliani seit Wochen den Promi-Cheerleader für Donald Trump: "Er ist seit knapp 30 Jahren mein Freund und es ist ekelhaft, wie ihn die Presse fertig macht." Er ist überzeugt, dass nur Trump das Land vor dem Untergang retten kann - wenn Clinton gewinnt, dann werde sie die USA in ein sozialdemokratisches Land nach europäischem Vorbild verwandeln, klagt Giuliani.

Wie Donald Trump ist Giuliani bereits zum dritten Mal verheiratet, beide kommen aus New York und haben sich früher für das Recht auf Abtreibung ausgesprochen. Dass sie von diesem christlichen Publikum trotzdem bejubelt werden, liegt an der Alternative. "Viele sagen: 'Wir wissen nicht, was Trump tun wird. Aber wir wissen genau, was Hillary Clinton vorhat'", sagt Konferenz-Organisator Tony Perkins zu Politico. In vielen Reden klingt an, dass Clinton für viele evangelikale Christen das Böse verkörpert - und es Gottes Wille gewesen sein muss, dass die Republikaner Trump nominieren.

Trump: "Meine Regierung wird unser christliches Erbe schützen"

Dessen Auftritt ist bemerkenswert und zugleich langweilig. Der 70-Jährige schweigt zu wichtigen Themen der Hardcore-Christen wie Homo-Ehe, Abtreibung oder Unterstützung für Israel. Er hält sich mit Beleidigungen zurück und schwärmt von Begegnungen mit den evangelikalen Christen. "Vor vier Jahren seid ihr nicht zur Wahl gegangen. Das ist die letzte Chance", ruft er.

Trump macht das gleiche Argument wie Republikaner-Chef Reince Priebus: Obamas Nachfolger ernenne mindestens drei Richter für den Supreme Court und bestimme so die Gesellschaftspolitik. "Es geht nicht um die nächsten vier Jahre, sondern um die nächsten vierzig Jahre", so Priebus' Formel. Es folgt die dreiste Lüge, dass Clinton alles abschaffen wolle, was Republikanern wichtig sei - vor allem das Recht auf Waffenbesitz und freie Ausübung von Religion.

Präsidentschaftskandidat Trump verspricht, dass seine Regierung "unser christliches Erbe feiern, schützen und verteidigen" werde. Dass ausgerechnet er klagt, dass es "die Liberalen" und die heutige Medienwelt schwer machten, Kinder nach christlichen Werten zu erziehen, ist nicht ohne Ironie: Schließlich war er es, der in einer TV-Debatte die Größe seines Penis ansprach und dessen Affären die Titelseiten der New Yorker Zeitungen dominierten.

Für seine Verhältnisse präsentiert sich der Republikaner ziemlich diszipliniert: Er liest vom Teleprompter ab und bekämpft den Rassismus-Vorwurf, indem er seine Bildungsreform (mehr Privatisierung und mehr Wettbewerb) mit dem Argument anpreist, dass Kinder von Latinos und Afroamerikanern bessere Chancen erhielten. Dass er ankündigt, am Samstag die Beerdigung der konservativen Ikone Phyllis Schlafly (mehr in diesem Nachruf) zu besuchen, ist eine Geste, die an der Basis gut ankommen dürfte.

In Sachen Außenpolitik verspricht Trump (der in Umfragen zuletzt aufholen konnte) wie immer, dass er mit mehr Härte und Verhandlungsgeschick die USA besser schützen könne. Neu ist jedoch, dass er seiner Rivalin Clinton nun nicht nur die Schuld am Erfolg der IS-Miliz gibt, sondern sie für den Atomwaffentest der Nordkoreaner verantwortlich macht. Kritische Nachfragen hat Trump beim "Values Voter Summit" nicht zu fürchten, doch wie so oft sorgt der Republikaner selbst dafür, dass alte Kontroversen hochkommen.

Trump wird seine Kontroversen nicht los

Weil sein Vizekandidat Mike Pence am Freitag seine Steuererklärungen der vergangenen zehn Jahre veröffentlicht hat, werden sofort alle Fragen erneut gestellt. Wieso verweigert Donald Trump den Wählern diese Informationen, wenn doch sowohl Clinton als auch Tim Kaine der alten Tradition folgen? Ist Trump in Wahrheit kein Milliardär, macht er trübe Geschäfte mit Russland oder hat er in den Vorjahren kaum Steuern bezahlt? Schmeichelhaft ist keine Erklärung.

Und dann ist da noch das Lob für Russlands Präsident Wladimir Putin ("mehr Führungsqualitäten als Obama"), zu dem Trump steht. In einem Interview mit Talk-Legende Larry King erneuerte er seine Kritik an der US-Außen- und Sicherheitspolitik und kritisierte die Medien für ihre Berichterstattung. Pikanterweise wurde die Show bei "Russia Today" gesendet, dem von Moskau mit Staatsgeldern finanzierten Sender.

Hillary Clinton kann da nur den Kopf schütteln - wie in diesem Video, in dem sie Trumps Auftritt und dessen Schwärmerei "für den Autokraten Putin" kommentiert. In ihren Augen führt er keinen Präsidentschaftswahlkampf mehr: "Mit jedem Tag wird es immer mehr zu einer Reality-TV-Show. Das ist jenseits meiner Vorstellungskraft."

© SZ.de/bavo

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