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US-Präsidentschaftswahl:Clintons Vize: Das ist Tim Kaine

Tim Kaine Wer ist der Vize von Hillary Clinton im US-Wahlkampf

Moderate Wahl, die den linken Parteiflügel misstrauisch macht: Tim Kaine, Hillary Clintons Vize-Kandidat.

(Foto: Bloomberg)

Katholik, Pragmatiker, Spanisch-Sprecher, Langweiler: Was über den Senator aus Virginia zu wissen ist und warum Hillary Clintons ihn als Vize holte.

Was macht so ein netter Typ wie Tim Kaine in diesem schmutzigen Wahlkampf, fragt die Washington Post. Und das Online-Magazin Politico spottet, dass sich in Hillary Clintons Stellvertreter-Auswahlprozess vor allem ein Problem ergeben habe: Der 58-Jährige sei ein Langweiler.

Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch, sondern passt gut ins Bild, das politische Weggefährten und Medien zeichnen: Der Senator aus Virginia gilt als fleißig, charakterlich integer, aber eben auch als nur wenig charismatisch.

Wer mit Kaine nichts anfangen kann, steht nicht alleine da: Auch die breitere amerikanische Öffentlichkeit lernt den Senator jetzt erst kennten. Was über den Mann zu wissen gibt, steht hier:

Karriere in Virginia und der Partei: Kaine betont auf seiner Homepage, einer von nur 20 Senatoren in der US-Geschichte zu sein, die auch Bürgermeister (Richmond, 1998 bis 2001) und Gouverneur (2006 bis 2010) waren. Bevor der ehemalige Anwalt 2012 in den Senat kam, war er auch Vorsitzender der Demokraten, weshalb er in der Partei als gut vernetzt gilt und als Spendensammler erfahren ist. Seine Ehefrau Anne Holton, mit der er drei Kinder hat, ist derzeit Bildungsministerin in Virginia.

In der Mitte des Clinton-Konsens: Kaine wird dem moderaten Lager der Partei zugerechnet. Als Gouverneur bekämpfte er die umstrittene Ölpipeline Keystone XXL und legte sich nach dem Massaker an der Hochschule Virginia Tech mit der Waffenlobby an. Zugleich ist er ein Anhänger ausgeglichener Staatsbudgets. Im Senat sitzt er in den Ausschüssen für Haushalt, äußere Angelegenheiten, Streitkräfte und Altersfragen; er gilt als jemand, der sich viele Themen mit seinem Fleiß erarbeiten und Parteigrenzen überschreiten kann. Hier ähnelt er Joe Biden. Diesen Pragmatismus, seine Erfahrung und nicht zuletzt seine Skandalfreiheit scheint Hillary Clinton zu schätzen.

Er ist praktizierender Katholik: Kaine besuchte eine Jesuitenschule und ging später als Missionar nach Honduras. Diese Form des Katholizismus prägte ihn, als Anwalt arbeitete er kostenlos an Fällen, in denen es um schwarze Bürgerrechte ging. In Richmond, der ehemaligen Hauptstadt der Konföderierten, war dies seinerzeit nicht selbstverständlich. Religiös begründete Haltungen wie die persönliche Ablehnung von Abtreibungen halten ihn jedoch nicht davon ab, politisch das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu unterstützen. Umgekehrt ist er gegen die Todesstrafe, blockierte aber als Gouverneur nicht grundsätzlich ihre Durchführung.

Seine Nominierung zielt auf Moderate: Kaine ist in Virginia selbst bei politischen Gegnern relativ angesehen, seine Beliebtheitswerte im Staat sind in Ordnung, aber nicht ausgezeichnet (42 zu 35 Prozent positiv). Clinton kann er dennoch helfen, weil Virginia zwar zuletzt demokratisch wählte, es sich aber um einen Wechselwählerstaat handelt. Der Vize soll darüberhinaus jene weißen, männlichen US-Wähler in den Vororten und auf dem Land überzeugen, denen sowohl Trump als auch die ehemalige First Lady suspekt sind. Glaubwürdigkeit könnte ihm neben seiner Religiosität dabei auch die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen verleihen. Sein Vater war Schweißer.

Die Parteilinke ist skeptisch: Mit Kaines Nominierung ist auch klar, dass die Demokraten nach dem Vorwahlkampf wieder in die Mitte rücken. Den Anhängern von Bernie Sanders, die sich beispielsweise die Bankenkritikerin Elizabeth Warren als Vize gewünscht hätten, dürfte das nicht gefallen. Kaine sprach sich jüngst gegen die Regulierung mittelgroßer Regionalbanken aus - in Virginia sitzt Capital One, das zehntgrößte Finanzhaus des Landes. Der dritthöchste Spendenposten für den Politiker kommt aus der Branche "Wertpapiere und Investment". Zudem ist er ein Verfechter des Freihandels, obwohl 60 Prozent der Bevölkerung die Konsequenzen von Abkommen inzwischen negativ sehen. Donald Trump hat sich als massiver Freihandels-Gegner positioniert und selbst Hillary Clinton schlägt skeptische Töne an.

Er ist ein Langweiler - und weiß es: Vor kurzem scherzte Kaine in einer politischen Talkshow - es war eine Art Test-Auftritt, den die Clinton-Kampagne arrangiert hatte: "Ich bin langweilig. Aber Langweiler sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in diesem Land." Weggefährten und Kollegen bestätigen, dass Kaine kein großer Unterhalter ist, obwohl er als ehemaliger Parteichef genügend Medienerfahrung hat. Als auf nationaler Ebene unbeschriebenes Blatt werden die Republikaner jedoch versuchen, das Image des Politikers negativ zu prägen.

Kaine spricht fließend spanisch: Der 58-Jährige ging einst als katholischer Missionar nach Honduras und lernte dort Spanisch - er war der erste US-Senator, der in der Kammer eine Rede in spanischer Sprache hielt. Damit kann er sich, anders als Trump, dessen Vize Mike Pence oder Clinton, direkt an die wichtige Gruppe der hispanischen Wähler wenden, die in Staaten wie Florida den Ausschlag geben könnten.

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Als Hillary noch begeistern konnte

Er unterstützte Obama sehr früh: Bereits im Frühjahr 2007, fast ein Jahr vor den ersten Vorwahlen, stellte sich der damalige Gouverneur von Virginia hinter den noch unbekannten Barack Obama. Er war damit er erste Obama-Unterstützer außerhalb dessen Heimatstaat Illinois. Später war Kaine als Vize-Kandidat im Gespräch, doch Obama entschied sich für den erfahreneren Joe Biden. Dieses Mal hat sich Kaine ebenfalls früh festgelegt, seine Empfehlung für Clinton stammt bereits aus dem Mai 2014.

Bill Clinton mag ihn: Ex-Präsident Bill Clinton hat sich Medienberichten zufolge bereits vor einigen Tagen für Kaine ausgesprochen, als noch einige andere Kandidaten im Gespräch waren. Das Verhältnis zum Ehemann der Kandidatin dürfte im Fall eines Wahlsiegs nicht unwichtig sein; Bill sieht sich in einer Beraterrolle und will gehört werden. Kaine scheint damit keine Probleme zu haben, heißt es.

Er nahm Geschenke an: Als Gouverneur erhielt Kaine Geschenke im Wert von 160 000 Dollar. So gab ihm ein Pharma-Konzern 12 000 Dollar, um die Kosten für den Besuch eines Gouverneurstreffen zu bezahlen. Das ist in Virginia legal, Kaine hat die Informationen veröffentlicht. Was seine politischen Gegner daraus machen, steht auf einem anderen Blatt.

Kaine war in den Fall Söring involviert: Der Deutsche Jens Söring sitzt seit 30 Jahren in Virginia wegen Mordes in Haft. An seiner Schuld gibt es jedoch durch einen aufgetauchten Entlastungszeugen und DNA-Proben große Zweifel. Kaine stimmte als Gouverneur kurz vor Ende seiner Amtszeit 2010 der Haftüberstellung Sörings nach Deutschland zu, wo dieser nach zwei Jahren freigekommen wäre. Doch vier Tage später kam sein republikanischer Nachfolger ins Amt und zog die Zustimmung zurück. Söring sitzt immer noch im Gefängnis.

Die breitere Öffentlichkeit kann sich erstmals am Samstagabend deutscher Zeit ein Bild vom designierten Vize-Kandidaten machen. Dann wird er gemeinsam mit Hillary Clinton in Florida auftreten.

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