US-Präsident John. F. Kennedy JFK, die Deutschen und das Attentat

John F. Kennedy im Juni 1963 bei seinem Besuch in Berlin mit dem regierenden Bürgermeister Willy Brandt

Die deutsche Verehrung von US-Präsident John F. Kennedy setzte schon vor seiner Ermordung ein. Wie kam es zum einseitig positiven JFK-Bild?

Von Oliver Das Gupta

Ekkehart Krippendorff saß im Taxi, Rückfahrt von einem Berliner Flughafen. Der Fahrer informierte ihn.

Egon Krenz hielt eine Rede vor Studenten in Dresden. Man schob ihm einen Zettel zu.

Gerd Ruge befand sich auf dem Flug von Washington D.C. nach Knoxville, Tennessee. Der Pilot meldete sich über die Lautsprecheranlage.

Drei Zeitzeugen, dreimal derselbe Moment, an jenem 22. November 1963: Der Augenblick, an dem sie erfuhren, dass auf US-Präsident John F. Kennedy ein Attentat verübt worden ist. Die Botschaft aus Dallas ging damals um die Welt. Die Nachricht brannte sich ein ins kollektive Gedächtnis. Es gibt nur wenige Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit, die dem nahe kommen.

Bei vielen Amerikanern kam die Wucht des Schocks zeitlich versetzt an, vom Mythos kann noch nicht die Rede sein. Das hatte damit zu tun, dass sich viele seiner Landsleute von ihm abgewandt hatten. Kennedy war zum Zeitpunkt seiner Ermordung innenpolitisch angeschlagen. Viele seiner Anhänger waren verbittert, weil der von Kennedy in Aussicht gestellte Aufbruch ("New Frontier") sich als Utopie erwiesen hatte. Die Zustimmung zu seiner Politik ging dramatisch zurück. Es gibt Parallelen zur heutigen Situation in den USA, wo Barack Obama derzeit in den Abgrund schaut.

Großes Finale im eingemauerten West-Berlin

Der große Malus, der beim heutigen Präsidenten der Streit um die Krankenversicherung ist, war bei Kennedy die Durchsetzung der Bürgerrechte. Die Zahl seiner meist weißen Gegner wuchs, nicht zuletzt wegen seiner Versuche, die Rassendiskriminierung zu beenden. Bezeichnend ist die Reaktion einiger Passagiere auf dem Flug, in dem sich der deutsche Reporter Gerd Ruge befand, als die Mordnachricht aus Dallas durchgegeben wurde. "Einige Reihen hinter mir sprangen zwei junge Männer auf und riefen 'Yippee'", schreibt Ruge in seinen Memoiren. Nicht wenige Amerikaner hassten ihren Präsidenten.

Anders die Deutschen. In der Bundesrepublik (und wohl auch in Teilen der DDR) war der Mythos schon begründet. JFK befand sich in der Hochphase seiner Popularität. Frisch noch der Eindruck seines Deutschland-Besuchs im Sommer. Vom großen Finale im eingemauerten West-Berlin, wo der Präsident von Hunderttausenden umjubelt wurde, wo er sich in seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus zu einem der ihren machte mit den Worten: "Ich bin ein Berliner". Nach seinem Abflug soll der Präsident gesagt haben, dass man einen solchen Tag nicht mehr erleben werde.

Dabei war es gerade Kennedy, der zwei Jahre zuvor die Deutschen enttäuscht hatte. Als im August 1961 die DDR die Berliner Mauer baute, war die Empörung groß über die Untätigkeit Washingtons. Die Bild-Zeitung schürte die Wut mit dem Titel "Der Westen tut NICHTS! Präsident Kennedy schweigt".

Willy Brandt, der damals Regierender Bürgermeister von West-Berlin war, schrieb einen Brief an den US-Präsidenten, in dem er ihn brüsk zu einer harten Linie aufforderte: Am Ende "wird uns das Risiko letzter Entschlossenheit nicht erspart bleiben", meinte der spätere Kanzler. In seiner Antwort an Brandt beschwichtigt JFK - und rät ihm, sich mit der Teilung Deutschlands abzufinden. "A wall is better than a war" - Eine Mauer ist besser als Krieg, soll JFK zu Beratern gesagt haben.

Attentat auf John F. Kennedy

Tod in Dallas

Konrad Adenauer, 1963 Bundeskanzler, sah insgeheim die Sache so ähnlich wie Kennedy. Aber der greise CDU-Chef mochte den jungen Amerikaner trotzdem nicht. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hatte der Präsident die Zusage seines Vorgängers zurückgenommen, der Bundesrepublik die Atombombe zu geben oder zumindest Mitsprache bei der Nuklearbewaffnung einzuräumen. Kennedy setzt auf die Verständigung mit der Sowjetunion. Adenauer wendet sich stärker Frankreich zu - nicht zuletzt wegen Kennedy. Der klagt über den Kanzler: "Ich habe den Eindruck, nicht nur mit einer anderen Generation zu reden, sondern mit einer anderen Welt". Doch der Präsident findet sich damit nicht ab, er will verhindern, dass sich Westdeutschland von den USA weg bewegt.

Deshalb entschließt er sich zur Reise in die Bundesrepublik und ins geteilte Berlin. "Die Demonstration seiner Popularität soll der deutschen politischen Klasse klarmachen, dass eine antiamerikanische Politik keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat", schreibt sein Biograph Alan Posener. Kennedys Rechnung geht auf. Die Visite wird zum Triumphzug, das griesgrämige Gesicht Adenauers neben JFK spricht Bände. Der Jubel erinnere ihn an Hitler, soll der Alte über die Begeisterung gesagt haben.

"Wir hatten den uralten Adenauer - und die Amerikaner den jungen Helden"

Dabei verstärkte der Bundeskanzler wegen seines Alters ungewollt noch den Kennedy-Effekt bei den Deutschen. "Wir hatten den uralten Adenauer - und die Amerikaner den jungen Helden", sagt Ekkehart Krippendorff. Endlich sei da ein Lichtblick gewesen, endlich habe man durchatmen können. "Man konnte unmöglich nicht begeistert sein als junger Mensch", sagt der spätere Politikprofessor an der Freien Universität Berlin zu SZ.de.

Kennedy, das war auch für viele Deutsche der Aufbruch in eine schöne, in eine bessere Welt. Der nun glaubwürdige Beschützer vor der Bedrohung aus dem Osten. Ökonomisch war Westdeutschland zu einem Riesen erstarkt, Anfang der sechziger Jahre war eine der modernsten Industriegesellschaften der Welt entstanden - und das nicht mal 20 Jahre nach der totalen Niederlage. Politisch war die Bundesrepublik aber ein Wicht, mitunter autokratisch geführt von einem Mann, der ein Relikt aus der Kaiserzeit war.

1917 wurde Adenauer Kölner Oberbürgermeister - im selben Jahr kam Kennedy zur Welt. 1963 stand der 87 Jahre alte biedere Kanzler neben dem ebenso strahlenden wie mächtigen Familienvater. Die Deutschen sahen Kennedy als perfekte Synthese zweier Sehnsüchte: Er bot den Sowjets glaubhaft Paroli. Und er versprach durch seine Person politische Neuerungen, stand für die Weiterentwicklung zu einer wirklich freien Gesellschaft.

Auch an Korrespondent Gerd Ruge ging der Glamour der Kennedys nicht vorbei. Er und viele andere Journalisten wurden bisweilen zu rauschenden Galas im Weißen Haus eingeladen, die JFK mit seiner Frau Jaqueline gab. Eindrücke dieser Partys transportierte die Presse dann in alle Welt - auch ins Wirtschaftswunderland. JFK wurde zum Symbol, zum Bild des guten Amerika für die Deutschen.

Straßen, Plätze und Brücken - bald trugen sie JFKs Name

Mit den Schüssen von Dallas wurde dieses Bild schockgefroren. Die kultische Verehrung für den Toten setzte sofort ein zwischen Flensburg und Mittenwald. Die bundesdeutsche Presse druckte Sondernummern, wie sie es wohl bei keinem anderen Politiker tat. Magazine lieferten bunte Bildstrecken - ein Novum damals . Die Süddeutsche Zeitung druckte einen Auszug aus einem Kennedy-Buch und übernahm gleich den Titel: "Zivilcourage". Alsbald wurden deutsche Plätze, Brücken, Straßen und Schulen nach dem Ermordeten benannt. Auch das Amerika-Institut der FU Berlin, das Krippendorff später leitete, übernahm flugs den Namen Kennedy.

Selbst jenseits des Eisernen Vorhangs, in der DDR, wurde die Nachricht von dem Mord im fernen Dallas mit Trauer aufgenommen. Egon Krenz, in der Wende-Zeit SED-Chef und Staatsraatsvorsitzender, war 1963 FDJ-Führer. Er berichtet davon, wie die Dresdner Studenten reagierten, als er ihnen Todesnachricht mitteilte. Sie erhoben sich für eine Gedenkminute und schwiegen.

Noch heute preist Krenz Kennedy als "großen Präsidenten". JFK habe einen friedlichen Ausgleich mit dem Ostblock gesucht, das zeige etwa seine Verständigung während der Kuba-Krise mit Sowjetführer Nikita Chruschtschow. "Ich weiß nicht, wie seine Nachfolger Ronald Reagan oder George W. Bush in solch einer Situation reagiert hätten", sagt Krenz zu SZ.de.

Es war ein einseitig-positives Bild, das die meisten Deutschen von Kennedy hatten. Dabei war auch diesseits des Atlantiks erkennbar, dass unter seiner Präsidentschaft wenig voran ging. Innenpolitisch steckte Kennedy fest, er ging spät und halbherzig gegen die Diskriminierung der Schwarzen vor. Außenpolitisch eskalierte er den Vietnam-Krieg, in dem er US-Soldaten in den schwelenden Konflikt schickte. "Die Deutschen haben die negativen Seiten der USA damals nicht gesehen", sagt Gerd Ruge. Insofern ist der 22. November auch eine Zäsur des Amerikabildes.