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US-Gefangenenlager:Der Pizzabäcker aus Guantanamo

Abu Bakr durfte das US-Gefangenenlager verlassen, doch in seine Heimat kann er nicht. Nun sucht der Uigure sein Glück ausgerechnet in Albanien.

E. Robelli, Tirana

Die Nachmittagshitze hat die Menschen in die Häuser getrieben, im Zentrum von Tirana wirken die Straßen wie leergefegt. Nur in der schmalen Islam-Alla-Gasse herrscht Leben. Hier fallen die vielen Männer mit Bärten auf.

Abu Bakr Qasim vor seinem Restaurant in Tirana.

(Foto: Foto: Robelli)

Abu Bakr Qasim hat als Treffpunkt eine Pizzeria in der Seitengasse vorgeschlagen. Als der ehemalige Guantanamo-Häftling Abu Bakr das kleine Lokal betritt, wird er von seinen albanischen Glaubensbrüdern herzlich begrüßt - und muss sich gleich an die Arbeit machen. Der Pizzabäcker hat sich verspätet, weil die Predigt in der Moschee heute etwas länger gedauert hat.

Während er den Pizzateig knetet, läuft auf dem Fernsehbildschirm al-Dschasira, der globale Nachrichtensender aus der arabischen Welt. Ein Reporter mit Schutzhelm berichtet über Explosionen in der afghanischen Provinz Kunar. Dann folgen die neuesten Nachrichten aus Urumqi in der nordwestchinesischen Unruhe-Provinz Xinjiang. Aus dieser Region stammt auch Abu Bakr Qasim.

Im Strudel der Weltpolitik

Seine Heimat hat der fromme Muslim aber schon im Jahr 2000 verlassen. "Aus Angst vor chinesischer Repression", erzählt er. Sein Ziel war die Türkei, wo er als Sattler arbeiten wollte. Aber der Weg dorthin war weit. Er führte über Afghanistan, von dort aus reiste Abu Bakr zusammen mit einer Gruppe von Uiguren nach Pakistan. Dort sollten sie Einreisevisa für Iran besorgen, sie mussten das Land auf dem Weg in die Türkei durchqueren. Einige Uiguren träumten sogar von einer Weiterreise in die USA.

Doch in Pakistan gerieten die Männer in den Strudel der Weltpolitik. Sie wurden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vermutlich vom pakistanischen Geheimdienst verhaftet. Abu Bakr ist überzeugt, dass er und seine Landsleute gegen Kopfgeld an die US-Armee verkauft wurden. Danach landeten sie als vermeintliche Terroristen im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba.

Man warf ihnen vor, sie hätten in Afghanistan in einem Al-Qaida-Camp für den Heiligen Krieg trainiert. Abu Bakr sagt, ihm sei von Mittelsmännern geraten worden, zunächst in Afghanistan zu warten, bis die Visa ausgestellt seien, weil Pakistan uigurische Flüchtlinge häufig nach China deportiere. Er und seine Freunde hätten daher im Herbst 2001 einige Wochen in einer Moschee in einem Bergdorf unweit von Dschalalabad verbracht.

Das Gotteshaus sei aber kein Ausbildungscamp für al-Qaida gewesen, wie die US-Armee zunächst behauptete, versichert Abu Bakr. Nach vier Jahren Haft in Guantanamo ließ die US-Militärjustiz die Vorwürfe gegen ihn und seine vier Leidensgenossen fallen.

Ein Sprachrohr für die Gefangenen

Nach China konnten sie jedoch nicht zurück, weil sie dort als Terroristen und Kämpfer für die Unabhängigkeit der mehrheitlich von Uiguren bewohnten Provinz Xinjiang gelten. Abu Bakr wäre am liebsten nach München gegangen. München gilt als Zentrum der uigurischen Diaspora in Europa. Doch weder Deutschland noch andere westliche Staaten wollten die Uiguren aufnehmen.

Im Frühling 2006 fanden die USA dann ein Aufnahmeland: Albanien erklärte sich bereit, den fünf unschuldig Inhaftierten Zuflucht zu gewähren. In Albanien hat Abu Bakr nun eine zweite Heimat gefunden. Er spricht mittlerweile so gut Albanisch, dass er auch Sprachrohr für die Anliegen seiner 17 Landsleute ist, die immer noch in Guantanamo sitzen. Kürzlich hat er Präsident Barack Obama einen offenen Brief geschickt und ihn gebeten, die Freilassung der übrigen Uiguren anzuordnen. Mit Unterstützung seines US-Anwalts will Abu Bakr den Druck auf Washington erhöhen.

Nach dem Ausbruch der blutigen Unruhen in Xinjiang konnte der Pizzabäcker nicht mehr mit seiner Familie telefonieren, weil das kommunistische Regime die Verbindungen kappte. In einem Dorf in Xinjiang leben Abu Bakrs Ehefrau und seine drei Kinder. Als er im Jahr 2000 die Heimat verließ, war seine Frau im siebten Monat schwanger. Die Zwillinge, die sie gebar, hat der knapp 40-Jährige nie gesehen. Die Hoffnung, dass er eines Tages seine Familie wiedertreffen kann, hat er aufgegeben.

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