US-Außenminister Kerry:An vorderster Front

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Vietnam, Irak, Syrien: John Kerrys Leben ist geprägt vom Krieg. Seit Tagen wirbt der Außenminister aus Washington für eine US-Militäraktion gegen Syrien. Es geht ihm um die Korrektur alter Fehler.

Von Matthias Kolb

Es ist für John Kerry eine Rückkehr an einen besonderen Ort. Im Sitzungssaal des Außenausschusses des Senats stellt sich der US-Außenminister am Dienstag fast vier Stunden lang den Fragen von Demokraten und Republikanern über das Für und Wider einer Militärintervention gegen Syrien. Kerrys Warnung vor den "schrecklichen Konsequenzen" des Nichthandelns wirkt: Die Mitglieder haben sich auf eine Resolution geeinigt, die einen 60-tägigen Einsatz erlaubt - inklusive 30 Tage Verlängerung.

An diesem Nachmittag verblassen Verteidigungsminister Chuck Hagel und Vereinigter-Generalstab-Chef Martin Dempsey erneut neben Obamas Chefdiplomaten: Kerry dominiert die Diskussion über den mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regimes und lässt sich durch nichts aus der Konzentration bringen. "Wir wollen keinen weiteren Krieg. Das amerikanische Volk will ihn nicht", ruft eine Aktivistin aus dem Zuschauerraum während der Debatte in Richtung Kerry. Dieser beugt sich zum Mikrofon und sagt ruhig: "Als ich mit 27 Jahren das erste Mal vor diesem Ausschuss aussagte, hatte ich ganz ähnliche Gefühle."

Damals, 1971, nahm Amerika erstmals Notiz von John Forbes Kerry. Als Veteran argumentierte er gegen den Vietnamkrieg und fragte die Senatoren angesichts steigenden Opferzahlen: "Wie können Sie einen jungen Mann darum bitten, der Letzte zu sein, der für einen Fehler sein Leben opfert?" Kerry studierte Jura, wurde Staatsanwalt und vertrat seit 1985 das liberale Massachusetts im US-Senat.

Dass er vor seiner Berufung zum Außenminister im Januar 2013 lange selbst Chef jenes Außenausschusses war, nutzt Kerry nun geschickt. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass die Politiker in Washington ebenso wie die Bürger im Land Parallelen zum Irakkrieg ziehen und deswegen eine Intervention skeptisch sehen.

Werben um Vertrauen

Kerry deutet auf Verteidigungsminister Hagel, der 2003, als die Vereinigten Staaten dem Irak den Krieg erklärten, ebenfalls Senator war, und betont: "Wir waren dabei, als damals abgestimmt wurde. Chuck und ich achten peinlichst genau darauf, dass kein Kongressabgeordneter seine Entscheidung auf fehlerhaftes Geheimdienstmaterial stützen muss." Die Botschaft ist klar: Ich war einer von euch, vertraut mir.

Seit Tagen schon ist Kerry Obamas Kämpfer an vorderster Front in Sachen Syrien-Intervention: Allein am Sonntag trat er in allen fünf wichtigen Talkshows auf - egal ob CBS, NBC, ABC, Fox News und CNN, Kerry war überall.

Der 69-Jährige ist überzeugt, dass nur das Assad-Regime in der Lage sein kann, am 21. August Giftgas eingesetzt zu haben. Kerry erklärt der Weltöffentlichkeit stets den neuesten Stand, etwa, dass die Geheimdienste sich sicher seien, dass Sarin verwendet wurde. Wie sein Chef Barack Obama telefoniert Kerry ständig mit ausländischen Spitzenpolitikern sowie mit skeptischen Abgeordneten, um international für Unterstützung zu werben und in Washington die nötige Mehrheit zusammenzukriegen.

Dabei greift der Außenpolitik-Experte zu historischen Vergleichen: Syriens Diktator Baschar al-Assad sei in einer Reihe mit Adolf Hitler und Saddam Hussein zu stellen. Die Welt erlebe gerade einen "München-Moment": 1938 habe niemand reagiert, als Hitler-Deutschland das Sudetenland der Tschechoslowakei entriss. Amerika dürfe nicht "Zaungast bei einem Massaker" sein, so lautet eine Formulierung des Außenministers.

Kampf um das eigene Vermächtnis

Für Kerrys enormes Engagement in der Syrien-Krise gibt es mehrere Gründe: 2009 reiste er nach Damaskus, um sich mit Baschar al-Assad zu treffen. Er wollte im Auftrag des neuen Präsidenten Obama für ein besseres Verhältnis zwischen Syrien und den USA werben. Assad sollte sich von seinem Verbündeten Iran lösen und Kerry hoffte vergeblich, Damaskus in den Nahost-Friedensprozess einbinden zu können.

Neben dem Entsetzen über den Einsatz chemischer Waffen spielt also auch persönliche Enttäuschung über Assad eine gewisse Rolle. Zudem weiß Kerry, dass er anders als seine Vorgängerin Hillary Clinton keine Chance mehr hat, selbst ins Weiße Haus einzuziehen. Der Demokrat verlor bekanntlich 2004 gegen George W. Bush. Das lag auch daran, dass er 2003 dem Irakkrieg zustimmte und diesen während des Wahlkampfs ein Jahr später ablehnen musste.

Insofern muss er nicht mehr allzu viel taktieren, sondern möchte seine Zeit als Außenminister nutzen, um sein eigenes Vermächtnis zu retten - und nicht als kompetenter, aber letztlich gescheiterter Politiker in Erinnerung zu bleiben. Natürlich trifft letzlich US-Präsident Obama die wichtigsten Entscheidungen, aber Kerrys Einfluss ist nicht zu unterschätzen. Wie sehr Kerry im Weißen Haus geschätzt wird, zeigt das Lob von Obamas stellvertretendem Sicherheitsberater Ben Rhodes in der New York Times: "Er macht keine halben Sachen. Er zögert nicht, sich den schwersten Herausforderungen zu stellen."

Bis der US-Kongress in der kommenden Woche über eine Militärintervention gegen Syrien abstimmt, wird John Kerry dennoch viel reden und charmieren müssen. Denn während er unter seinen alten Kollegen im Senat hohes Ansehen genießt, stoßen seine Argumente im Repräsentantenhaus auf stärkeren Widerstand. Gerade der linke Anti-Kriegs-Flügel der Demokraten sowie die isolationistische Tea-Party-Fraktion sind noch längst nicht überzeugt.

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