Ungarn:Gefeuert wegen guten Wetters

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Ungarn: Es scheint nicht immer die Sonne über Budapest. Zum Nationalfeiertag warnten die Chefmeteorologen vor Gewitter. Weil sie damit falsch lagen, sind sie nun arbeitslos.

Es scheint nicht immer die Sonne über Budapest. Zum Nationalfeiertag warnten die Chefmeteorologen vor Gewitter. Weil sie damit falsch lagen, sind sie nun arbeitslos.

(Foto: imago stock&people/imago/Westend61)

Wegen einer Unwetterprognose sagt die Regierung Ungarns das Feuerwerk am Nationalfeiertag ab. Als das Gewitter ausbleibt, verlieren die Chefmeteorologen ihre Jobs.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Für diesen Mittwoch sagt der Meteorologische Dienst der Republik Ungarn, kurz OMSZ, tagsüber 23 bis 31 Grad und viel Sonnenschein voraus. Am vergangenen Samstag war das ausnahmsweise anders gewesen, der Wetterdienst in Budapest hatte nach einem langen und heißen Sommer vereinzelte Schauer und, mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit, für den Abend ein Gewitter vorhergesagt. Doch dann regnete es kaum, und das Gewitter blieb aus.

Das passiert. Viele Ungarn mochten das ausbleibende Schlechtwetter angesichts ausgedörrter Boden und ausgetrockneter Flüsse eher bedauern, ihre Regierung aber, die mit großem Pomp, einer Messe und einem öffentlichen Gelöbnis von Offizieren den Nationalfeiertag beging, hatte wegen der Wetterprognose das beliebte Feuerwerk für diesen Tag abgesagt. Am 20. August wird traditionell des heiligen Stephans gedacht, der das Land christianisierte und als erster Staatsgründer gefeiert wird.

Zwei Tage nach dem Feiertag wurden, mit sofortiger Wirkung, die Chefin des OMSZ und ihre Stellvertreter, Kornélia Radics und Gyula Horváth, vom Minister für Technologie und Industrie entlassen. Das ist selbst für ungarische Verhältnisse, wo die Grenzen zwischen Regierung und Staat schon lange verschwimmen und sich Ministerpräsident Viktor Orbán gern als kleiner König geriert, ein ungewöhnlicher Akt. Vorausgegangen waren Dutzende wütende Artikel in den staatsnahen Medien, in denen die Meteorologen des Wetterdienstes für ihre "Fehlprognose" scharf kritisiert wurden. Die sozialen Medien füllten sich umgehend mit ätzenden Kommentaren von Ungarinnen und Ungarn, die sich darüber empörten, dass hier in alttestamentarischer Manier der Überbringer der schlechten Nachricht bestraft werde.

Die Sache hat eine Vorgeschichte: Vor 16 Jahren kam es bei dem Feuerwerk in Budapest zu einem schweren Unglück: Fünf Menschen starben und mehr als 300 wurden verletzt, als ein Gewitter los- und unter den eineinhalb Millionen Zuschauern Panik ausbrach. Deswegen entscheidet seitdem die Regierung aufgrund der Wettervorhersagen darüber, ob das Feuerwerk stattfindet. Das Ministerium hatte jetzt zwar für die Entlassungen keine Gründe angegeben, aber in Ungarn kursierte umgehend die Vermutung, dies sei eine Strafaktion, weil die Forscher das beliebte Feuerwerk durch "falsche Informationen" verhindert hätten.

Am Dienstag kam dafür die Bestätigung - nicht aus der Regierung, sondern aus dem Dienst selbst. Abteilungsleiter des OMSZ veröffentlichten ein Protestschreiben, in dem sie die Wiedereinstellung ihrer Chefs fordern. Der Wetterdienst sei eine professionelle Institution und kein Erfüllungsgehilfe, schreiben sie. Aber im Laufe des Samstags habe es von den Veranstaltern auf Regierungsseite rund um Staatssekretär Zoltán Kovács einen extrem hohen Erwartungsdruck gegeben, der "die Unsicherheit, die wissenschaftlichen, meteorologischen Vorhersagen innewohnt, nicht akzeptiert" habe. Die OMSZ-Kollegen hätten trotz erheblichen Drucks von Entscheidungsträgern ihr Bestes gegeben und seien nicht für einen vermeintlichen oder tatsächlichen Schaden verantwortlich. Gefordert wird die Aufarbeitung der Ereignisse in einer Untersuchungskommission.

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