Ungarn:Die vormals Rechten wollen nun über die Zukunft der EU reden

Kämpfen muss Vona allein deshalb, weil es ohnehin kein Zurück mehr gibt - nicht einmal mehr auf die alten Positionen rechts außen. Denn da, wo Jobbik einst Erfolge hatte, steht nun Orbán mit der Fidesz-Partei. Die Feindbilder mögen andere sein: nicht die Roma oder Juden, sondern die Flüchtlinge. Doch das Muster ist das Gleiche und die Parolen ähneln sich. "Dem Gábor Vona von 2010 hätte der heutige Viktor Orbán ziemlich gut gefallen", meint Vona. "Doch jetzt gefällt mir das überhaupt nicht mehr. Ich habe mich gewandelt."

Zum Wandel gehören ein paar Säuberungen in der Partei, Chanukka-Grüße an die jüdische Gemeinde und das öffentliche Streicheln von Hundewelpen. Obendrein habe es auch im Blick auf die EU "sehr große Veränderungen gegeben", versichert er. "Ich will nicht behaupten, dass wir jetzt verliebt sind in die Europäische Union. Aber während wir früher aus den Problemen den Schluss gezogen haben, besser kein Mitglied zu sein, wollen wir heute an den Diskussionen über die Zukunft der EU teilnehmen."

Solche Gesten und Beteuerungen haben immerhin dazu geführt, dass es im zersplitterten Lager der Linken und Liberalen schon Fürsprecher dafür gibt, mit Jobbik gemeinsam gegen Orbán zu kämpfen. Neben dem früheren sozialistischen Premier Péter Medgyessy plädiert dafür auch die 88-jährige Philosophin und Holocaust-Überlebende Ágnes Heller, die früher selbst schon Ziel von Jobbik-Attacken geworden war. Sie ruft dazu auf, sich auch mal "die Nase zuzuhalten", wenn es darum geht, einen Wahlsieg von Orbán zu verhindern.

Die Opposition eint vor allem die Abwahl Orbáns

Denn bei dem seit 2011 auf einen Fidesz-Erfolg zugeschnittenen Wahlrecht gibt es für eine Ablösung des Premiers nur eine Chance: Alle Oppositionskräfte egal welcher Couleur müssen sich zusammenschließen und Absprachen über die Kandidaten in den 106 Wahlkreisen treffen.

An Modellen für solch taktische Bündnisse fehlt es nicht - bis hin zum Vorschlag, nach einer gemeinsam erreichten Abwahl Orbáns allein das Wahlrecht zu ändern und dann schnell wieder Neuwahlen auszuschreiben. Doch mehrheitsfähig sind die Einigungsrufe bislang weder im linksliberalen Lager noch auf der Rechten. "Mathematisch könnte das aufgehen, aber in der Politik herrschen andere Gesetzmäßigkeiten", meint Vona und verweist auf die zersplitterten Linksparteien, "die nicht einmal untereinander eine Einigkeit herstellen können". Höchstens mit neueren politischen Bewegungen wie der grün-konservativen LMP oder der erst 2017 gegründeten Momentum-Partei will er sich eine Zusammenarbeit vorstellen.

Der Jobbik-Partei allein geben die Umfragen allerdings nicht mehr als 20 Prozent, ungefähr so viel wie bei der Parlamentswahl 2014. Noch also hat sich der proklamierte Wandel zur Volkspartei nicht ausgezahlt. "Die alten rechten Wähler sind zu Fidesz übergelaufen und die Linken sind noch nicht angekommen", urteilt der Politikwissenschaftler Csaba Tóth vom liberalen Institut Republikon. Mit einem Machtwechsel bei der Wahl im Frühjahr rechnet Tóth nicht.

Die Zeit spielt für Jobbik

Orbán könnte also ruhig schlafen, denn den Meinungsumfragen zufolge ist sogar eine Zweidrittel-Mehrheit der Sitze für seine Fidesz nicht ausgeschlossen. 2014 reichten dafür wegen des veränderten Wahlrechts gut 44 Prozent der Stimmen. Dass Orbán und seine Gefolgsleute sich trotzdem nun so heftig auf Vona und die Jobbik-Partei eingeschossen haben, könnte einem Déjà-vu geschuldet sein. "Vona kopiert Orbán", meint Toth. "Beide haben gute taktische und gute kommunikative Fähigkeiten, nur Vona ist wahrscheinlich pragmatischer und weniger ideologisch als Orban."

Mit 39 Jahren könnte der Jobbik-Chef zudem die Zeit auf seiner Seite haben. "Ich bin kein Träumer", sagt Gábor Vona, wenn man ihn nach der angestrebten Prozentzahl bei der nächsten Wahl fragt. "Wir haben keine Zielsetzung in Prozent, sondern wir wollen diese Regierung ablösen." Wenn es dieses Mal nicht klappt, dann wird er es weiter versuchen, daran lässt er keinen Zweifel. In seinem Büro hinter dem Schreibtisch, links von den Ahnenfotos und der Landkarte, steht ein Aquarium. Da ziehen die Fische auch in aller Ruhe ihre Runden.

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