Ungarn:Orbán heißt die Neurechten willkommen

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Sowas kann der doch eigentlich nicht ernst meinen: Viktor Orbán heißt alle "zum Verlassen ihrer Heimat gezwungenen Christen" in Ungarn willkommen.

(Foto: REUTERS)

Ungarn als Sehnsuchtsort für Populisten: Ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky über arische Rassenfantasien und den rechten Dschihad.

Von Alex Rühle

Letzte Woche sagte der ungarische Premierminister Viktor Orbán, Ungarn werde ab sofort Flüchtlinge aufnehmen. Aber nur "wahre Flüchtlinge" - Bürger westlicher Länder, die vor Liberalismus, politischer Korrektheit und Gottlosigkeit fliehen müssen: alle "schreckerfüllten deutschen, holländischen, französischen, italienischen Politiker und Journalisten, jene zum Verlassen ihrer Heimat gezwungenen Christen, die ihr Europa in der eigenen Heimat verloren haben, finden es bei uns wieder."

Sowas kann der doch eigentlich nicht ernst meinen. "Tut er aber", sagt Magdalena Marsovszky: "Und wissen Sie was? Viele Westeuropäer lieben ihn dafür. Das ging im September 2015 los: Deutsche, Franzosen, Niederländer, die aus Angst vor Flüchtlingen nach Ungarn auswandern. Die Immobilienpreise steigen. Ich selbst weiß von einer Augsburger Familie, die unbedingt nach Ungarn ziehen will, weil sie sagen, nur da sei man noch sicher."

"Es ist kein Zufall, dass sich alle Neurechten auf Mussolinis Berater Julius Evola berufen"

Marsovszky beobachtet als Kulturwissenschaftlerin seit vielen Jahren die nationalistische Politik von Orban, dem die Grenzen seines Landes eigentlich viel zu klein sind, er schwärmt bei jeder Gelegenheit von Großungarn in den Grenzen von 1918, einem Gebiet, das weite Teile Rumäniens umfasst: "Die größte völkische Wallfahrt findet an Pfingsten in Transsylvanien statt, mit 500 000 Menschen. Da fahren extra Züge aus Ungarn hin, alle dekoriert mit Fahnen und Blumen, an jeder Station singen Hunderte den "völkischen Pilgern" zu. An dieser Wallfahrt nehmen auch Regierungsmitglieder Ungarns teil und singen die revanchistische Szekler-Hymne, entstanden im Jahre 1920 nach dem Trianon-Vertrag. All das passiert mitten in der EU."

Richtig unheimlich wird es, wenn man sieht, welche Verbindungen es zwischen Trumps nationalistischen Ideologen und der ungarischen Regierung gibt: Allein in diesem Jahr sind auf dem rechtspopulistischen US-Portal Breitbart bereits 16 Texte über Ungarn und seinen Premier Viktor Orbán mit dem Tenor erschienen: Ungarn, die Speerspitze des neuen Europa. Umgekehrt macht Orbán keinen Hehl aus seiner Begeisterung für Donald Trump. Marsovszky kann nachweisen, dass Trumps Chefstratege Stephen Bannon von denselben Ideologen wie Orbán beeinflusst wird. "Da braut sich international was zusammen. Es ist kein Zufall, dass sich alle Neurechten auf Mussolinis Berater Julius Evola berufen, der russische Neofaschist Alexander Dugin genauso wie Stephen Bannon und der 'White Supremacist' Richard Spencer, der Evolas Idee einer vorchristlichen Spiritualität und eines weißen Urvolks zitiert."

Ein Gespräch über Populismus, arische Rassenfantasien und den Dschihad, zu dem die rechtsextreme ungarische Partei Jobbik aufruft, ganz im Sinne des Apokalyptikers Steve Bannon - die Welt muss brennen, um neugeboren werden zu können.

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