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Aufarbeitung:Nazivergangenheit eigener Führungskräfte spielte lange keine Rolle

Freilich, es gibt immer beide Seiten. SZ-Kommentare rügten zu milde Urteile gegen Ex-Nazis durch die Spruchkammern. Ernst Müller-Meiningen jr., der schon 1946 dazustieß, wurde mit seinem legendären Kürzel "M-M.jr." zum Gründervater einer Tradition entschiedenen Eintretens für den freiheitlichen Rechtsstaat.

Nicht wenige Kommentare der ersten Jahre geißelten den Judenhass. Die Zeitung berichtete ausführlich über den Schrecken des Konzentrationslagers Dachau. Aber all das gab anfangs nicht den Ton an.

Befreiung des KZ Dachau 1945

"Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend"

"Kontinuierlich wich die SZ dem Gesamtkomplex der Judenvernichtung aus", schreibt Knud von Harbou, "aus heutiger Sicht ist ihre Auseinandersetzung mit der Schuldfrage kaum nachvollziehbar." Erstaunlich ist auch, wie wenig man in der Süddeutschen noch lange Zeit über die Nazivergangenheit eigener Führungskräfte wusste. Oder wissen wollte?

Nicht mehr als gelegentliche Nachfragen

Dennoch schien, von den meisten unbemerkt, ein latenter Konflikt zu köcheln. Nach dem SZ-Artikel 2014 über die Forschungen Knud von Harbous sowie des Historikers Alexander Korb meldeten sich einige Kollegen aus dem Ruhestand und berichteten, die Vergangenheit habe den Chefredakteur Proebst und Innenpolitik-Chef Schuster gelegentlich doch noch eingeholt.

Michael Frank, langjähriger Korrespondent in Wien, stieß 1969 zur Zeitung und erlebte gleich folgende Szene: "Ich erinnere mich noch einer verquasten Erklärung von Proebst in der Redaktionskonferenz, auch in Schusters Namen, die, er konnte derlei wunderbar formulieren, von der Verstrickung der Person in die Geschichte handelte. Wirklich zu entnehmen war dem nichts."

Vorwürfe wegen der NS-Vergangenheit der beiden hätten, so Frank, leider keine "wirkliche Wirkung gezeigt, zumal man keinerlei Belege oder Dokumente in die Hand bekam. Leute, die ohnehin respektlos den beiden gegenüber waren, wie eben der großartige Immanuel Birnbaum, gaben sich danach noch unbotmäßiger, Schusters ohnehin mürbe Autorität hat sich nie mehr gefestigt."

Hermann Proebst SZ-Chefredakteur in den Sechzigern
(Foto: SZ Photo)

Martin Urban, der ehemalige Wissenschafts-Chef der SZ, erinnert sich an einen Vorfall aus den Sechzigerjahren: "Auf einer Redaktionskonferenz verlangte das Redaktionsmitglied Wolf Schneider (später USA-Korrespondent der SZ und Verlagsleiter des Stern ; Anm. d. Red.) von Hermann Proebst Auskunft über dessen Aktivitäten in Kroatien während der NS-Zeit.

Eine Frage war, was Proebst damals getan oder nicht getan hatte. Proebst verteidigte sich sehr erregt gegen die Kritik von Schneider und meiner Erinnerung nach auch von Ernst Müller-Meiningen jr."

Die Zeitung brauchte lang, um erwachsen zu werden

Olaf Ihlau, früher Redakteur der SZ und später Ressortleiter beim Nachrichtenmagazin Spiegel, hat 2014 in dem bewegenden Buch "Der Bollerwagen" beschrieben, wie er als kleines Kind mit seiner Mutter aus dem brennenden Königsberg floh, in Westdeutschland aufwuchs und Journalist wurde.

Er berichtet, der "außenpolitische Senior" der Zeitung, offenbar der jüdische Kollege und frühere Widerstandskämpfer Immanuel Birnbaum, habe ihm gesagt, zwei SZ-Kollegen hätten den Krieg "bei den Ustascha-Faschisten in Zagreb verbracht, bei der deutschen Propagandaabteilung".

Solche kleinen, wenn auch folgenlosen Eruptionen waren schon Zeichen des Generationswechsels, der die Zeitung gründlich öffnete und verwandelte. Politisch war, so schreibt Harbou, "gemeinsamer Nenner dieses Umbruchs" die wachsende Opposition gegen die Verkrustungen der Ära Adenauer. Sein Bericht zeigt die Süddeutsche Zeitung der Gründerjahre als Kind ihrer Zeit. Dieses Kind brauchte lange, um erwachsen zu werden.

Es ist dies ein wichtiges, ein notwendiges und auch gut lesbar geschriebenes Buch, immer um Fairness bemüht - und gerade darum eine erschütternde Bericht über Menschen, die nicht sehen wollten, was offensichtlich ist.

70 Jahre SZ Große Lüge der grauen Männer

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Er war Spross einer bekannten Verlegerfamilie, Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung und während des Zweiten Weltkrieges Mitglied der Zivilverwaltung im Generalgouvernement Polen: Franz Josef Schöningh. Nun erscheint eine Biografie mit neuen Details zu Schöninghs Rolle in der NS-Zeit.   Von Joachim Käppner