Krieg in der Ukraine:Putins Verwirrspiel

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Russlands Staatschef Wladimir Putin

Laut Kreml hat Wladimir Putin die russische Nuklearschlag-Simulation am Mittwoch persönlich am Bildschirm verfolgt.

(Foto: Alexei Babushkin/Sputnik/AFP)

Auch Indien und China gegenüber hat Russland nun behauptet, die Ukraine baue eine schmutzige Bombe. Ein angeblicher Beweis wird als falsch entlarvt - aber das irritiert Moskau nicht.

Von Nicolas Freund

Im Krieg in der Ukraine wird nun wieder viel über einen möglichen Einsatz von Atomwaffen oder einer sogenannten schmutzigen Bombe spekuliert. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat seine Telefonrundrufe am Mittwoch fortgesetzt und auch seinen indischen und chinesischen Amtskollegen erzählt, die Ukraine plane den Einsatz einer schmutzigen Bombe, um diesen anschließend Russland anzulasten. Er habe Schoigu damit beauftragt, sagte Präsident Wladimir Putin am Donnerstagabend in Moskau. Die Ukraine habe die Technologie, um eine solche Bombe zu bauen. Russland habe es indes nicht nötig, eine solche Bombe zu platzieren, sagte Putin.

Schmutzige Bomben sind konventionelle Bomben, die aber mit radioaktivem Material angereichert wurden. Bei ihrer Detonation kommt es nicht zu einer Atomexplosion, das strahlende Material wird jedoch über eine große Fläche verteilt. Viele Quadratkilometer ließen sich so kontaminieren.

Schoigu hatte bereits am Wochenende den USA, Frankreich, Großbritannien und der Türkei diese angeblichen Pläne der Ukraine vorgetragen. Kiew bestritt die Vorwürfe umgehend. Man arbeite nicht an einer solchen Waffe. Frankreich, Großbritannien und die USA nannten die Vorwürfe falsch und bezeichneten sie in ihrem gemeinsamen Statement als Versuch Russlands, weitere Eskalationen im Krieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Auch der indische Verteidigungsminister Rajnath Singh warnte Schoigu: Keine Seite dürfe Kernwaffen einsetzen, da dies gegen den Grundsatz der Menschlichkeit verstoßen würde.

Slowenien entkräftet Russlands Darstellung

Als angeblichen Beweis für die Entwicklung einer schmutzigen Bombe durch die Ukraine zeigte das russische Außenministerium am Montag auf Twitter Fotos möglicher Quellen für radioaktives Material, Lagerstätten und Forschungslabore etwa. Ein weiteres Foto zeigt weiße Zylinder in Plastikbeuteln mit aufgedrucktem Warnsymbol für Radioaktivität. Am Dienstag teilte daraufhin die Regierung Sloweniens mit, das Bild der Zylinder stamme aus einer Präsentation der slowenischen Atombehörde aus dem Jahr 2010, darauf seien Rauchmelder zu sehen. Diese enthielten zwar tatsächlich radioaktives Material, aber anders als von Russland behauptet weder Uran noch Plutonium. Ältere Rauchmelder funktionieren mit kleinen Mengen radioaktiven Materials.

Nach wie vor wird befürchtet, Russland verbreite seine Anschuldigung gegen die Ukraine, um letztlich selbst eine solche Waffe einzusetzen. Der Betreiber der ukrainischen Atomkraftwerke, der Konzern Energoatom, meldete am Dienstag, die russischen Besatzer würden am AKW Saporischschja geheime Arbeiten durchführen und weder ukrainischen Mitarbeitern noch Beobachtern der Internationalen Atombehörde Zugang gewähren. Auf dem Kraftwerkgelände lagere atomarer Abfall, der für den Bau einer schmutzigen Bombe benutzt werden könne. Allerdings können die Bauarbeiten auch harmlos sein, da Teile des Kraftwerks bei Gefechten beschädigt wurden.

Drohgebärden und Ablenkungsmanöver

Zu der Befürchtung, Russland treibe eine doppeltes Spiel, trug auch bei, dass die russischen Streitkräfte in dieser Woche bei einem jährlich wiederkehrenden Manöver den Einsatz von Atomwaffen übten. Es seien mehrere Raketen gestartet worden und laut Verteidigungsminister Schoigu sei insbesondere ein russischer "Gegenschlag" nach einem Atomangriff auf Russland geübt worden. Der russische Präsident Wladimir Putin soll die Manöver überwacht haben.

Unverkennbar will Moskau mit solchen Aktionen die atomare Drohkulisse gegenüber dem Westen und der Ukraine aufrechterhalten. Zugleich könnte es dem Kreml aber auch darum gehen, von eigenen Fehlern und einer drohenden Niederlage in der besetzten ukrainischen Stadt Cherson abzulenken. So jedenfalls deutete der britische Geheimdienst am Donnerstag die Meldung, dass Moskaus Bürgermeister Sergeij Sobjanin zum Regionalkoordinator für die "Entwicklung von Sicherheitsmaßnahmen" in den russischen Regionen ernannt wurde. Dem täglichen Briefing der Briten zufolge wolle der Kreml auf die Art seine Probleme an die regionalen Behörden auslagern.

Das gleiche könnte auch für Moskaus Behauptungen über eine ukrainische schmutzige Bombe gelten. Putins Versuche, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf seine Geschichten zu lenken, waren immer schon mehrdeutig: Er will sich damit in der Regel möglichst viele Optionen offenhalten.

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