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Türkei:"Sprache bereitet oft grausame Aktionen vor"

Türkische Polizei führt nach dem Putschversuch Soldaten ab

Türkische Polizei führt nach dem Putschversuch türkische Soldaten ab. Inzwischen wurden Tausende Menschen festgenommen, suspendiert oder entlassen.

(Foto: dpa)

Der türkische Präsident Erdoğan spricht von "Säuberung", wenn es um Entlassungen und Verhaftungen geht. Sprachwissenschaftler Thomas Niehr erklärt, wie gefährlich diese Wortwahl ist.

SZ.de: Herr Niehr, der türkische Präsident Erdoğan verwendet seit dem gescheiterten Putsch Wörter wie "Säuberung" (türkisch: "temizleme"), "Metastasen ausmerzen" und "Viren". Was für Assoziationen löst das bei Ihnen aus?

Thomas Niehr: In diesem Vokabular steckt eine Handlungsaufforderung: Wenn ich von "Säuberung" spreche, dann gehe ich davon aus, dass etwas schmutzig ist. Wenn ich von "Metastasen" spreche, setze ich ein Krebsgeschwür voraus - mithin eine lebensbedrohliche Krankheit. Es wird immer impliziert, dass ich dagegen vorgehen muss.

Was ist daran so gefährlich?

Das kann sich noch fortsetzen, wie wir aus der Geschichte wissen. Auch früher wurden Menschen schon gleichgesetzt mit Krankheiten, Schmutz, Ungeziefer. Darin steckt auch der Appell, Maßnahmen zu ergreifen, sich zu schützen. Ohne dass man das explizit noch sagen muss, wird dazu aufgerufen, diese Menschen auszulöschen, zu vernichten. Wenn man im Bild bleibt, ist man dann bei der Wahl der Mittel zum Schutz und der Bekämpfung nicht zimperlich. Da wird dann "ausgemerzt", "ausgerottet" und so weiter. Solch ein Sprachgebrauch enthemmt.

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Haben Sie Beispiele aus der Geschichte, wo das dann passiert ist?

Gerade wir Deutschen kennen ja dieses Vokabular. Jeder mit ein wenig historischem Bewusstsein fühlt sich natürlich an den Sprachgebrauch der Nazis erinnert. Da war es normal, Juden als "Parasiten", "Volksschädlinge", als "Krankheit am deutschen Volkskörper" und Ähnliches zu bezeichnen.

Wann kippt so etwas und kann dazu führen, dass Menschen handeln?

Wenn man so etwas über Jahre propagiert, dann geht das wie selbstverständlich in das Denken von Menschen ein. Und wenn es sich dort festgesetzt hat, dann werden die so bezeichneten Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet, sondern wirklich als Ungeziefer, das vernichtet werden muss. Es erscheint dann als eine gute Tat, sie zu vernichten. Genau das ist in Deutschland bis 1945 passiert.

Haben Sie noch andere Beispiele?

Es ist eine schon alte Technik, den politischen Gegner abzuwerten. Den Begriff der "Säuberung" haben auch schon Lenin und Stalin verwendet. Das endete im Massenmord. Wir kennen den unseligen Begriff der "ethnischen Säuberungen" aus dem Jugoslawienkrieg. Auch hier kann man sich naiv zunächst Hygienemaßnahmen vorstellen, doch jeder konnte wissen, dass mit diesem Ausdruck auch "Maßnahmen" wie psychische und physische Gewalt umschrieben wurden.

Man kennt das auch aus Ruanda, als die Hutu-Mehrheit die Tutsi in einer Radio-Dauerschleife als Kakerlaken bezeichneten.

Genau, und auch hier ist wieder der Appellcharakter zu sehen: Was macht man mit Kakerlaken? Man schlägt sie tot, bevor sie sich massenhaft vermehren.

Erdoğ an verwendet auch die Wörter "Grotte" oder "Höhle", in die sich seine Gegner zurückziehen sollen. Was will er seinen Zuhöreren damit sagen?

Er entmenschlicht auch damit seine Gegner, macht sie zu wilden Tieren oder unzivilisierten Wesen, die nicht in Häusern wohnen und nur ihren Instinkten folgen.