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Konflikt um Bergkarabach:Ankara riskiert Spannungen im eigenen Land

Türkei Berg-Karabach Aserbaidschan

Geduldeter Protest: Demonstranten schwenken die aserbaidschanische Flagge in Istanbul.

(Foto: dpa)

Die türkische Regierung unterstützt bei den Kämpfen um Bergkarabach unverhohlen Aserbaidschan. Das könnte alte Ressentiments wecken.

Kommentar von Tomas Avenarius

Jeder Krieg hat seine Begleitgeräusche, oft genug sind sie fast so hässlich wie der Krieg selbst. Im Südkaukasus schießen Aserbaidschaner und Armenier wieder aufeinander. Sie kämpfen um die seit Jahrzehnten umstrittene Region Bergkarabach und sind offenbar weder willens noch in der Lage, die Zukunft der Armenier-Enklave am Verhandlungstisch zu regeln. Die ersten Begleitgeräusche dieses kleinen Kriegs in einer abgelegenen Weltgegend sind nun mitten in der Türkei zu hören. In Istanbul demonstrierten Anhänger der aserbaidschanischen Sache mit flaggenbehängten Autos im historischen Armenierviertel, nicht weit vom Patriarchat entfernt.

Es war keine große Demonstration, aber der Korso am Sitz des Oberhaupts dieser christlichen Minderheit war doch als politische Provokation erkennbar. Sie weckt übelste Erinnerungen. Die Türkei und die Armenier haben eine lange gemeinsame Geschichte. Diese aber wird überschattet vom Völkermord an der damals großen armenischen Bevölkerungsgruppe im Ersten Weltkrieg und dem ungeklärten Umgang der Türkei heute mit diesem Ereignis.

Wer mithilfe aufgebrachter Demonstranten in Istanbuls Armenierviertel zündeln wollte, ist angeblich unklar. Aber irgendwer muss die Demonstration genehmigt haben in einem Land, in dem die Polizei bei Kundgebungen jeder Art sehr gern und sehr schnell von ihrem Hausrecht Gebrauch macht. Fast schon erschrocken angesichts der hässlichen Bilder stellte die Regierungspartei AKP sich dann auch sofort demonstrativ vor die Armenier. Die Republik dulde nicht, dass Bevölkerungsgruppen diskriminiert würden, hieß es: "Die türkische Gesellschaft ist in höchstem Maße immun gegen das Virus solcher Provokationen."

Das mag gut klingen, ist aber nur die halbe Wahrheit. Die eher feinsinnige Unterscheidung türkischer Politiker, dass die Armenier in Armenien der Feind seien, die eigenen armenischen Bürger aber geschätzte Mitbürger, wird wohl kaum von allen Menschen so leicht verstanden. Auch wenn sich das schwierige Verhältnis zwischen Türken und der auf wenige Zehntausend Armenier geschrumpften Minderheit weitgehend normalisiert hat, es könnten alte Ressentiments wieder geweckt werden.

Denn Ankara unterstützt Aserbaidschan nicht nur politisch, sondern ziemlich unverhohlen auch militärisch. Das nationalistische Getrommel, welches das Kaukasus-Unternehmen begleitet, ist unüberhörbar. Und es gibt genügend radikale Nationalisten in diesem multiethnischen Land. Es ist die rechte MHP, die der AKP und ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan das Regieren durch ihre Duldung im Parlament erlaubt. Die MHP betreibt eine Politik des ideologischen Türkentums, sie macht den Kurden in der Türkei das Leben aus Prinzip schwer.

Diese türkischen Gegebenheiten machen die kleine Demonstration im Istanbuler Armenierviertel so gefährlich. Was in Deutschland als zulässige, wenn auch der Verständigung abträgliche Aktion verstanden würde, trifft in der Türkei auf andere Umstände: In den Nachbarstaaten leben Völker, die einst zum Osmanischen Reich gehörten, sich aber nicht im Guten von der Türkei getrennt haben. Das gilt für Griechen, Zyprer und eben auch Armenier. Daraus kann eine echte Gefahr für das Zusammenleben der modernen türkischen Gesellschaft erwachsen.

© SZ vom 30.09.2020
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