Tschetschenischer Rebellen-Chef:Der Che des Kaukasus

Terroristenführer Doku Umarow will im Nordkaukasus einen Gottesstaat errichten. Die Gruppe um ihn soll auch für die jüngsten Anschläge in Moskau verantwortlich sein.

Lilith Volkert

Trüge er nicht diese schwarze Kappe und wäre der dunkle Bart etwas kürzer - der Mann, der da im dunkelgrünen Anorak im Unterholz sitzt, sähe aus wie Che Guevara. Die Guerilla-Optik ist sicher kein Zufall. Doku Umarow kämpft seit Jahren aus dem Untergrund gegen die russische Militärpräsenz im Kaukasus.

In einem knapp fünf Minuten langen, mit wackliger Handkamera aufgenommenem Video behauptet er nun, die Anschläge in der Moskauer U-Bahn, bei denen am vergangenen Montag 39 Menschen getötet worden waren, gingen auf die Initiative seiner Widerstandsgruppe zurück. Sie seien eine Vergeltungsmaßnahme für russische Verbrechen im Kaukasus, besonders für ein im Februar verübtes Massaker.

Der tschetschenische Terroristenführer spricht unbewegt, mit fast schläfriger Stimme, im Hintergrund zwitschern die Vögel. Doch was Umarow, an die Russen gewandt, sagt, klingt wenig beruhigend: "Ich verspreche Ihnen, dass der Krieg in Ihre Straßen kommt und sie ihn in Ihrem Leben, am eigenen Leib spüren werden."

Der Phantom-Rebell

Ob das Bekenntnis des Möchtegern-Che-Guevaras der Wahrheit entspricht, kann man trotzdem nicht mit Sicherheit sagen. Noch kurz bevor die - laut Einblendung am Tag des Attentats aufgenommene - Videobotschaft am Mittwoch im Internet veröffentlicht wurde, hatte seine Rebellengruppe bestritten, für die Anschläge verantwortlich zu sein.

Doku Umarow gilt als tschetschenischer Untergrund-Präsident, er selbst bezeichnet sich als "Emir", Fürst. 2007 hatte er das "Kaukasische Emirat" ausgerufen. Sein Ziel: Alle nordkaukasischen Provinzen Russlands in einem islamischen Gottesstaat zu vereinen, der vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer reicht.

Nach der Ermordung des vergleichsweise gemäßigten Rebellenführers Aslan Maschadow sowie ein Jahr später dessen Nachfolgers hatte Doku Umarow 2006 die Führung des tschetschenischen Widerstands übernommen.

Als seinen Stellvertreter wählte er Schamil Bassajew - den Mann, der die Verantwortung für das Geiseldrama von Beslan übernommen hatte. Mehr als 300 Menschen wurden dabei brutal getötet, die meisten davon waren Kinder.

Vom Freiheitskampf zum Heiligen Krieg

Heute unterstützt nur ein Teil des bewaffneten Untergrunds im Kaukasus Umarows Pläne. Die aus dem Tschetschenienkrieg hervorgegangene Widerstandsbewegung, die lange gemeinsam gegen die russische Militärherrschaft kämpfte, hat sich im Herbst 2007 in zwei Lager gespalten.

Die Separatisten kämpfen weiter für einen unabhängigen tschetschenischen Staat. Umarow und andere schlossen sich hingegen dem weltweiten Dschihad gegen den Westen an - statt Freiheitskampf also Heiliger Krieg.

Als Achmed Sakajew, der im Londoner Exil lebende Chef der Exilregierung, den moskautreuen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow im Juli 2009 als rechtmäßiges Oberhaupt der russischen Teilrepublik anerkannte, verurteilte ihn Umarows "Oberstes Scharia-Gericht" in Abwesenheit zum Tode.

Wie viele Rebellen an Umarows Seite für das "Kaukasische Emirat" kämpfen, ist schwer zu sagen. Kadyrow, der tschetschenische Präsident von Moskaus Gnaden, spricht von einigen Dutzend Widerständlern - auch wenn es trotz wiederholter Erfolgsmeldungen nicht weniger zu werden scheinen. In Umarows Umfeld heißt es hingegen, allein in Tschetschenien gebe es über 3000, im ganzen Nordkaukasus 5000 bewaffnete Rebellen.

Die beiden Frauen, die sich Anfang der Woche in der Moskauer U-Bahn in die Luft gesprengt hatten, gehörten der russischen Zeitung Kommersant zufolge wahrscheinlich zu einer Gruppe von rund 30 ausgebildeten Selbstmordattentätern. Die Frauen und Männer seien von Rebellenführern vor allem im Internet angeworben worden.

Auch an diesem Donnerstag kamen in Dagestan, einer Nachbarrepublik Tschetscheniens, zwei mutmaßliche Attentäter um, als eine Bombe vorzeitig explodierte. Einen Tag zuvor waren dort zwölf Menschen bei zwei Selbstmordanschlägen getötet worden. Bei einem überraschenden Besuch in Dagestan kündigte der russische Präsident Dmitri Medwedew am Donnerstag einen verstärkten Kampf gegen die Aufstandsbewegung an: "Die Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus sollten ausgeweitet werden, sie sollten wirksamer sein, schärfer, grausamer."

Zuletzt hatte sich das "Kaukasische Emirat" zu dem Bombenanschlag auf den Schnellzug Newski-Express zwischen Moskau und St. Petersburg bekannt, bei dem Ende November 2009 28 Menschen getötet worden waren.

© sueddeutsche.de/bavo/jobr
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