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Tschechien:Botschaft der Agenten

Tschechien wirft russische Diplomaten aus dem Land

Tschechische Polizisten vor der russischen Botschaft in Prag: Mit mehr als 100 Mitarbeitern ist die Auslandsvertretung ungewöhnlich groß.

(Foto: Dana Kesnerova/dpa)

Der tschechische Geheimdienst kritisiert seit Jahren die Größe der russischen Botschaft. Im Streit um eine Explosion in einem Munitionsdepot weist Prag nun Dutzende Diplomaten aus - ein Wendepunkt in den Beziehungen zu Moskau.

Von Viktoria Großmann

Erst wies Tschechien 18 russische Diplomaten aus, wenige Tage später sind es noch einmal 63 Botschaftsangehörige. Die Krise hatte am Samstag vor einer Woche mit der Mitteilung begonnen, dass russische Agenten offenbar für eine tödliche Explosion in einem tschechischen Munitionsdepot 2014 verantwortlich waren. Nun scheint die Affäre zu einem historischen Wendepunkt in den tschechisch-russischen Beziehungen zu werden. Die Botschaften beider Seiten sollen dauerhaft verkleinert werden. Einige tschechische Abgeordnete fordern von Russland zudem finanziellen Ausgleich für die Schäden, welche die Explosionen verursachten.

"Es geht uns nicht um Eskalation", sagte Tschechiens Premier Andrej Babiš dazu. "Wir haben Interesse an korrekten Beziehungen mit der russischen Föderation, und wir haben gehofft, dass Russland die Unangemessenheit seiner Reaktion einräumt, aber das ist nicht passiert." Russland hatte als Antwort auf die Ausweisung 20 tschechische Diplomaten nach Hause geschickt. Damit ist die Vertretung in Moskau laut dem tschechischen Außenminister Jakub Kulhánek kaum noch arbeitsfähig - ganz anders als die russische Botschaft in Prag, in der bisher 100 Diplomaten arbeiteten. Die deutsche Botschaft in Moskau hat den tschechischen Kollegen Unterstützung angeboten. Nach der Slowakei haben auch die baltischen Länder aus Solidarität Diplomaten ausgewiesen.

Nun möchte die russische Seite zudem Ortskräfte aus der Botschaft und dem Tschechischen Haus in Moskau, einem Veranstaltungszentrum, abziehen. "Das unverantwortliche und provokative Verhalten der tschechischen Regierung wirkt sich schmerzhaft auf ihren diplomatischen Dienst aus", verlautete aus der russischen Regierung. "Sie haben das Wort Parität geschrien - sie bekommen Parität", wird Marija Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, im tschechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zitiert. Zugleich weist das russische Außenministerium die Verantwortung für die Explosionen in dem Munitionslager im mährischen Vrbětice zurück, spricht von einer "hysterischen antirussischen Kampagne".

Wo viele Diplomaten, da viele Agenten

Dass die russische Botschaft in Prag so groß ist, geht wohl auf 1968 zurück, das Jahr des Prager Frühlings. So erklärt es Jiří Schneider, früher tschechischer Botschafter in Israel, heute unter anderem für das Aspen Institute tätig: "Sie hatten ihre Gründe, hier eine so große Botschaft zu haben." Es war die Botschaft eines größeren Staates in einem größeren Staat, die der Sowjetunion in der Tschechoslowakei. Und die einer Besatzungsmacht, die Truppen stationiert hatte. Doch weder nach dem Abzug der Roten Armee und dem Zusammenbruch der UdSSR noch nach der Trennung des Landes in Tschechien und Slowakei sei diese dann nur noch russische Botschaft wesentlich verkleinert worden.

Der tschechische Inlandsgeheimdienst BIS kritisiert seit Jahren die aus seiner Sicht unangemessene Größe der russischen Botschaft. Die Rechnung: wo viele Diplomaten, da viele Agenten. Es sei davon auszugehen, dass Prag die Basis für Agententätigkeiten im gesamten Schengen-Raum sei, erklärt Jiří Schneider: "Deutschland sollte beunruhigt sein." Angeheizt wurde die Debatte zusätzlich, als der Prager Magistrat Anfang der Woche ein Grundstück zurückforderte, dass die sowjetischen Truppen 1968 okkupiert hatten und das seither in russischem Besitz geblieben ist.

Staatspräsident Miloš Zeman hat nun in seiner seit einer Woche erwarteten Erklärung zu dem Vorfall weitere Aufklärung gefordert. Es fehlten die Beweise, sagte er am Sonntag im Fernsehsender CNN Prima News und warnte vor "jeder Form der Hysterie".

63 Tonnen Munition waren explodiert, zwei Menschen starben

Im Oktober und Dezember 2014 waren in Munitionslagern auf dem Gelände einer Firma im mährischen Ort Vrbětice 63 Tonnen Munition explodiert, zwei Menschen starben. Eine Selbstentzündung der Munition wurde schon damals ausgeschlossen. Laut dem tschechischen Geheimdienst sollen russische Agenten des Militärgeheimdienstes GRU dahinterstecken. Es handele sich mutmaßlich um einen Sabotageakt an einer Waffenlieferung in die Ukraine. Die Waffen sollen dem bulgarischen Waffenhändler Emilian Gebrew gehört haben. Unklar ist, ob die Munition in Tschechien explodieren sollte oder möglicherweise erst später an ihrem Bestimmungsort.

Direkt verantwortlich sollen jene beiden Männer sein, die 2018 den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal im englischen Salisbury verübt haben sollen. Insgesamt sollen sechs GRU-Agenten an dem Anschlag beteiligt gewesen sein, so berichten Medien. Zudem hat die tschechische Polizei in dieser Woche Mitglieder einer paramilitärischen Gruppe festgenommen, die in der Ukraine auf der Seite prorussischer Milizen gekämpft haben sollen. Die Männer stehen im Verdacht, zu russischen Geheimdiensten Kontakt zu haben. Eine Verbindung zum Anschlag in Vrbětice wurde bisher nicht hergestellt.

Die Regierung in Prag spricht von einem "terroristischen Akt"

Auch in Bulgarien ereigneten sich 2014 und 2015 Explosionen in sechs Munitionslagern, 15 Menschen starben. Wie Radio Free Europe berichtet, sollen sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls GRU-Agenten im Land befunden haben, die Untersuchungen sollen wieder aufgenommen werden.

Die Regierung in Prag spricht offiziell von einem "terroristischen Akt". Dem schloss sich auch Staatspräsident Miloš Zeman an. Der 76-Jährige ist ein Kritiker des eigenen Geheimdienstes und ausgewiesener Russlandfreund, einige Abgeordnete beschimpfen ihn daher als "Vaterlandsverräter". Nun verteidigte er die Ausweisung zumindest jener 18 russischen Diplomaten, die als Geheimdienstagenten gelten: "Ich mag diese Nachrichtenoffiziere nicht, sie bringen mehr Schaden als Nutzen."

© SZ/liv/jbb
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