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US-Präsidentschaft:Das Problem mit der Männlichkeit

Donald Trump, ein Mann von zweifelhaftem Charakter.

(Foto: AFP)

Wer Donald Trump schlagen will, muss die Wahl zu einer Abstimmung über dessen Charakter machen.

Kommentar von Stefan Kornelius

Wer Donald Trump schlagen möchte, muss nur eine Frage beantworten: Wie bekomme ich die Menschen dazu, am Wahltag ein Urteil über die Verfehlungen und die Charakterlosigkeit des Präsidenten zu fällen? Denn wenn Trumps Charakter zur Abstimmung steht, dann könnten die wenigen verbliebenen Wechselwähler, vor allem Frauen, in den wenigen verbliebenen Wechseldistrikten einen Auszug aus dem Weißen Haus erzwingen.

Die Antwort auf die Charakterfrage kann mehr oder weniger langatmig ausfallen. Praktisch arbeiten die Demokraten seit Wochen an den Formulierungen. Sie wissen, dass die Wähler ihre Entscheidung in einer Stimmungswolke treffen werden, in einem extrem verdichteten Gefühlsmoment Ende Oktober und Anfang November. Bis dahin ist alles Vorbereitung. Bis dahin muss die Botschaft klar und unverrückbar stehen.

Zwei Entscheidungen sind dafür jetzt zu fällen: die Wahl der Gegenkandidatin beziehungsweise des Kandidaten, denn die Frage des Geschlechts ist durchaus von Bedeutung. Das hat Elizabeth Warren in pointierter Form in der Debatte kurz vor dem ersten Vorwahltermin klargemacht. Ihre Botschaft - nur eine Frau kann Trump schlagen - ist nicht falsch, aber auch nicht wirklich richtig.

Eine Frau wäre die schwierigere Gegnerin für Trump, dessen größtes Charakterproblem in seinem übersteigerten Männlichkeitsgefühl steckt. Eine Frau wäre aber auch eine leichte Gegnerin für Trump, wenn sie etwa Elizabeth Warren heißt, die schlicht zu links ist für die Mitte-rechts-Fraktion in der Wählerklientel. Auch Hillary Clinton hat als Frau verloren, weil ihr der Eliten- und Entrücktheitsstempel erfolgreich auf die Stirn gedrückt wurde.

Entscheidung Nummer zwei betrifft das Impeachment. Es geht um Zeitplan, Vorwürfe, Taktik, Beweismittel, Zeugen. Auch hier hat die demokratische Sprecherin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, nun auf den Auslöser gedrückt. Sie musste das Verfahren im Senat offiziell starten, andernfalls hätte sie sich den Vorwurf mutwilliger Verzögerung und Taktiererei zugezogen. Das ist zwar ein irriger Vorwurf, weil das Impeachment längst zu einer taktischen Waffe der Parteilager verkümmert ist. Ein offenes Verfahren erscheint ausgeschlossen, die ideologische Aufladung überwölbt alles.

Allerdings muss der Vorwurf der Taktiererei nicht schädlich sein. Niemand erwartet neutrale Senatoren in der Rolle der Geschworenen. Das waren sie auch beim Clinton-Impeachment nicht.

Das Impeachment wird zum Forum für die Charakterfrage. Darin liegt sein Wert für die Demokraten, die schon im Dezember sehen konnten, wie die Anhörungen den Präsidenten in die Defensive gebracht haben.

Würden tatsächlich Zeugen geladen, würde der frühere Sicherheitsberater John Bolton sein Wissen auch außerhalb der Senatskammer ausbreiten oder tauchte immer mehr belastendes Material auf, würde all dies im Sinne der Anklage wirken: Hier vertuschen und verniedlichen ein Präsident und seine Partei ein eklatantes Charakterproblem.

Mit dem Impeachment im Senat hat der Wahlkampf nun endgültig begonnen. Auch wenn Trump mit seinen Kraftausbrüchen momentan unbesiegbar erscheint - ein Wahljahr in den USA ist vor allem unberechenbar.

© SZ vom 16.01.2020
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