Russland-Affäre Trump fehlt jedes Gespür

Der US-Präsident formuliert Selbstbezichtigungs-Tweets, die mit rationalem Verstand nicht zu erklären sind. Er dürfte sich für unverwundbar halten. Ein gefährlicher Irrglaube.

Kommentar von Stefan Kornelius

Die juristischen Untersuchungen gegen Donald Trump und seine Wahlkampfhelfer mögen kleinteilig und mühsam zu verfolgen sein. Aber sie haben es in sich. Millimeter um Millimeter arbeiten sich die Ermittler an den US-Präsidenten heran. Jeder Ermittlungserfolg schränkt den Bewegungsspielraum des US-Präsidenten weiter ein.

Trumps Reaktion auf diese Unerbittlichkeit ist nur indirekt überliefert. Im Kreis der Vertrauten soll er wüten und toben über die Ermittlungen - und dann wieder in große Verzweiflung versinken. Niemand anerkenne seine Leistung, eine bittere Verschwörung sei gegen ihn im Gange. Öffentlich ist indes ein anderer Präsident zu beobachten. Dieser Präsident ist an Selbstgewissheit nicht zu überbieten, er spielt geradezu mit seinen Verfolgern und gibt sich wie Siegfried nach dem Bad im Drachenblut: unverwundbar.

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In einem Tweet gibt der US-Präsident zu, dass das brisante Treffen 2016 im Trump Tower doch stattgefunden habe, um "Informationen über einen Gegner" zu bekommen. Das sei jedoch "total legal".

In diesen Augenblicken formuliert Trump Selbstbezichtigungs-Tweets, die mit rationalem Verstand nicht zu erklären sind: "Das war ein Treffen, um Informationen über einen Gegner zu erhalten", schreibt Trump über die Begegnung seines Sohnes mit russischen Informanten. "Völlig legal und immer wieder gemacht in der Politik", behauptet er. Aber genau das stimmt nicht. Erstens ist es nach amerikanischem Recht illegal, ausländische Hilfe für den Wahlkampf anzunehmen. Und zweitens steht die Aussage im krassen Gegensatz zu einer Stellungnahme des Sohnes Donald Jr., der gegenüber Ermittlern zu Protokoll gegeben hatte, es sei in dem Treffen mit russischen Besuchern um die Adoption von Waisenkinder gegangen.

Den US-Präsidenten scheinen diese feinen Unterschiede nicht zu kümmern, was zwei Ableitungen zulässt: Donald Trump ist sich der rechtlichen Dimension der Ermittlungen nicht bewusst. Er hat kein Sensorium für die Widersprüchlichkeit seiner Worte, und er spürt nicht die juristische Gefahr, in die er sich begibt. Jeder weitere Ermittlungstag offenbart diese Rechtsstaats-Ignoranz ein Stückchen mehr, weshalb eine Kollision zwischen ihm und der Justiz geradezu unausweichlich erscheint. Eine Aussage unter Eid wäre deshalb auch so gefährlich für ihn.

Zweitens ist Donald Trump durchaus politisch angreifbar. Wie Siegfried sitzt er einem Irrglauben auf, wenn er sich für unverwundbar hält. Seine destruktive Jammerei über Medien und Ermittler mag den inneren Kern seiner Gefolgsleute bei der Stange halten. Ein wacher Geist aber merkt, dass dieser Politiker in Widersprüche und politische Abhängigkeiten verwickelt ist. Russland und die Wahlbeeinflussung, das rührt zutiefst am amerikanischen Selbstverständnis von der Größe und der Unangreifbarkeit der Nation. Wer "America First" schreit, braucht ein glaubwürdiges Argument gegen die Einmischung von außen. Das aber will Donald Trump partout nicht einfallen

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