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Trump tauscht Wahlkampfchef aus:Der Präsident bekommt Muffensausen

Für die schlechte Performance seines Chefs kann Trumps Kampagnen-Leiter und Social-Media-Genie Brad Parscale nichts. Dennoch muss er seinen Stuhl räumen.

Von Thorsten Denkler, New York

Wenn etwas richtig schiefläuft, dann muss jemand gefeuert werden. Und im Team Trump läuft es seit längerer Zeit so richtig, richtig schief. Am Mittwochabend hat Donald Trump den Chef seiner Wahlkampagne degradiert. Nicht gefeuert, das wäre wohl ein doch zu deutliches Eingeständnis gewesen, dass der US-Präsident sich gerade ernsthafte Sorgen um seine Wiederwahl macht. Aber Parscale, das 44 Jahre alte hipsterbärtige Social-Media-Genie, soll ab sofort nur noch beratend an der Seitenlinie stehen.

Parscale hat 2016 die Internet-Kampagne von Trump geleitet, und das derart erfolgreich, dass dieser ihn schon Anfang 2018 zum Chef seiner Wiederwahl-Kampagne machte. Als treibende Kraft galt damals Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Der ist das Bindeglied zwischen dem Weißen Haus und der Kampagne. Trump wiederum versucht die Kampagne vom Oval Office aus über Kushner so gut es geht selbst zu steuern. Der Schwiegersohn soll ihm jetzt auch die Strafversetzung von Parscale dringend empfohlen haben.

Parscale sorgte in der Vergangenheit als Wahlkampfmanager für volle Hallen, wann immer es Trump danach war, im Jubel seiner Anhänger zu baden. Und das war bis zum Beginn der Pandemie oft wöchentlich der Fall. Parscale schaffte es in kurzer Zeit, eine Datenbank mit Millionen von Trump-Unterstützern aufzubauen. Und davon haben viele, wann immer sie eine der üblichen Bettelmails erreichte, auf den Spendenknopf gedrückt. Dank Parscale war und ist Trump nicht wirklich abhängig von großen Geldgebern. Es sind die kleinen Leute mit den kleinen Portemonnaies, die Trumps Kampagne zu einem großen Teil finanzieren.

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In den Umfragen steht der Präsident schlecht da

Das Projekt Wiederwahl verschlingt Unmengen an Geld. Nach ersten Schätzungen haben die Partei und die Kampagne zusammen fast eine Milliarde Dollar gesammelt. Davon sind weniger als vier Monate vor der Wahl bereits mehr als 650 Millionen Dollar ausgegeben. Und dennoch standen Trumps Wiederwahlchancen wohl zu keinem Zeitpunkt seiner Amtszeit schlechter.

Seit Joe Biden bei der Frage eine Rolle spielt, wer für die Demokraten gegen Trump antritt, führt der Demokrat in den allermeisten Umfragen. Inzwischen hat er seinen Vorsprung deutlich ausgebaut. Acht bis 15 Prozentpunkte liegt Biden landesweit vor Trump. Und auch in umkämpften Bundesstaaten ist zumeist Biden vorne. Das gilt sogar in sonst meist sicheren republikanischen Staaten: In Texas kommt Biden auf sensationelle fünf Prozentpunkte mehr als Trump. In Nebraska sind es gar sieben. Selbst in Georgia und Kansas sieht es eng für Trump aus.

Trumps Kampagne hat bereits angefangen, mit Millionen von Dollar TV-Werbezeit in einigen dieser Staaten zu kaufen. Anfang des Jahres noch war nicht im Traum daran zu denken, dass dort von Trumps Seite überhaupt Geld in den Wahlkampf investiert werden müsste.

Die Anhänger bleiben weg

Und dann auch noch Tulsa. Am 20. Juni wollte Trump in Oklahoma seine erste große Kundgebung nach Ausbruch der Pandemie in den USA halten. Der perfekte Ort. Wenig Corona-Fälle. Bürgermeister sind meist Republikaner, auch der Gouverneur des Bundesstaates gehört der Partei an. Trump hat den Staat 2016 mit mehr als 35 Prozentpunkten Vorsprung auf Hillary Clinton gewonnen, ein gemachtes Nest. Die angemietete Halle fasste knapp 20 000 Menschen. Eine übliche Größe für eine Trump-Kundgebung. Erwartet wurden 60 000 Fans. Es kamen dann nach Angaben der Feuerwehr nur 6200 Menschen. Trump soll außer sich gewesen sein.

Auch der zweite Versuch in New Hampshire ging daneben. Am 11. Juli wollte Trump sich von Zehntausenden Anhängern in einem Hangar auf dem Flughafen von Portsmouth feiern lassen. Die Veranstaltung wurde am Tag vorher wegen eines drohenden Unwetters abgesagt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die verfügbaren Vorhersagen allerdings nur Sonnenschein und ein paar Wolken vorhergesagt. Es gab aber wohl deutliche Zeichen, dass erneut viel weniger Menschen kommen würden als erhofft. Ein Ersatztermin steht noch immer nicht. Obwohl es hieß, die Kundgebung werde "in den kommenden ein bis zwei Wochen" nachgeholt.

Es liegt auf der Hand, dass nicht alles allein in der Verantwortung von Brad Parscale liegen kann. Umfragen zeigen, dass die US-Bürger bis weit ins republikanische Lager hinein nicht zufrieden sind mit Trumps Management der Corona-Krise. Statt auf Experten zu hören, bewarb er Wunderdrogen gegen die Krankheit, spielte - angeblich sarkastisch gemeint - mit dem Gedanken, die Injektion von Desinfektionsmitteln könnte helfen. Und immer wieder versprach er, das Virus werde auf magische Weise irgendwie einfach verschwinden. Was es nicht tut.

Was nicht sein darf, das ist auch nicht

In den USA steigen die Infizierten-Zahlen wieder massiv an. Mindestens 3,4 Millionen Menschen haben sich seit März mit dem Virus angesteckt, jeden Tag kommen inzwischen mehr als 60 000 neue Fälle hinzu. Mehr als 137 000 Menschen sind gestorben. Ganz abgesehen von den Folgen für die US-Wirtschaft und den sozialen Härten. Mehr als 40 Millionen US-Bürger haben sich inzwischen arbeitslos gemeldet.

Trumps Strategie ist derzeit: ignorieren. Was nicht sein darf, das ist auch nicht. Aber selbst glühende Anhänger dürften inzwischen spüren, dass andere Nationen diese Pandemie und ihre Folgen deutlich besser handhaben als die USA.

Dafür allerdings kann Parscale so wenig wie sein Nachfolger. Aber Trump braucht mal wieder einen Schuldigen für seine schlechte Performance. Die Kampagne wird jetzt erstmal von Parscales Stellvertreter Bill Stepien geleitet, ein alter Hase im politischen Geschäft. Mit etwas Glück kann er seinen Job bis zum Wahltag behalten. Sicher ist das nicht.

© SZ.de
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