Tod des Teenagers Trayvon Martin:Rassistischer Möchtegern-Cop oder hilfsbereiter Nachbar

Wer ist der Mann, der den unbewaffneten Afroamerikaner Trayvon Martin erschossen hat und auf den jetzt ein "Kopfgeld" ausgesetzt ist? Zimmerman selbst schweigt, doch über seinen Anwalt lässt er erstmals seine Version des Tathergangs verbreiten. Auch über die Vergangenheit des 17-jährigen Opfers wird in den USA heftig diskutiert.

Matthias Kolb, Washington

George Zimmerman schweigt. Seit dem 26. Februar, jenem Tag, an dem er in Sanford, Florida, dem unbewaffneten Teenager Trayvon Martin in die Brust schoss, hat sich der 28-Jährige nicht mehr geäußert und ist nach Todesdrohungen von der Bildfläche verschwunden. Zimmerman spricht weder öffentlich über jene Minuten vor dem tödlichen Schuss in der 50.000-Einwohner-Stadt, noch verrät er seinen momentanen Aufenthaltsort. Das Mitglied einer freiwilligen Bürgerwehr befindet sich bis zum 10. April auf freiem Fuß: Dann muss er vor einer Grand Jury (Anklagekammer) erscheinen, die darüber entscheidet, ob er wegen Mordes angeklagt wird. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind 73 Prozent aller Amerikaner dafür, ihn bereits jetzt festzunehmen.

Einer redet jedoch: Zimmermans Anwalt Craig Sonner erklärte in Interviews, sein Mandat habe in Notwehr gehandelt. Ähnliche Aussagen machte Zimmerman bei seiner Vernehmung, wie die Zeitung Orlando Sentinel unter Berufung auf Polizeiquellen meldet. Nachdem er die Spur des auf ihn so verdächtig wirkenden 17-jährigen Martin, der einen Kapuzenpulli trug sowie eine Flasche Eistee und Skittles-Bonbons (Kaudragees) dabei hatte, verloren hatte, sei er zu seinem Auto zurückgegangen, berichtete Zimmerman.

Doch plötzlich habe Trayvon Martin ihn, so Zimmermans Darstellung, von hinten angesprochen und die beiden hätten einige Worte gewechselt. Plötzlich habe der Jugendliche ihm einen Faustschlag auf die Nase verpasst, sich auf ihn gestürzt und seinen Kopf auf den Bürgersteig geschlagen. Daraufhin habe Zimmerman aus Notwehr seine Waffe gezogen und abgedrückt.

Dem Bericht zufolge hätten Augenzeugen diese Version bestätigt: Zimmerman habe eine dicke Lippe gehabt, aus der Nase geblutet und sein Hinterkopf sei aufgeschlagen gewesen. Er sei auf der Straße ärztlich versorgt, aber nicht in einem Krankenhaus behandelt worden. Die Polizei teilte in einer Erklärung (Originaldokument als PDF) mit, die Informationen seien widerrechtlich an den Sentinel weitergegeben worden, man suche nach der undichten Stelle. Allerdings sei der Bericht "widerspruchsfrei" zu den Informationen, welche die Polizei an die Staatsanwaltschaft weitergegeben habe.

In sozialen Netzwerken und Twitter wird Zimmermans Version jedoch stark angezweifelt: Der kräftige 28-Jährige wiege deutlich mehr als Trayvon, zumal habe dieser keinen Grund zur Attacke gehabt. Womöglich werde erst die Autopsie der Leiche zeigen, ob dieser Abwehrverletzungen am Körper habe. Doch auch über Trayvon Martin gibt es neue Informationen: Dem Miami Herald zufolge war er wegen Graffitisprühens und Schwänzens vom Unterricht suspendiert worden, zudem wurde in seiner Schultasche ein leeres Marihuana-Tütchen sowie Schmuck gefunden.

"Sogar jetzt, wo er tot ist, respektieren sie meinen Sohn nicht"

Für Benjamin Crump, den Anwalt der Familie, bleibt die wichtigste Information das Telefongespräch, das Trayvon mit seiner Freundin geführt habe und aus dem klar hervorgehe, dass Zimmerman den Teenager verfolgt habe. Die Eltern bezeichneten die Meldungen aus der Schulakte ihres Kinds als "irrelevant" und "unnötig schmerzvoll". Diese Vergehen stünden in keinem Zusammenhang mit den Ereignissen des 26. Februar. "Sie haben meinen Sohn getötet und nun versuchen sie auch noch, seinen Ruf zu zerstören", erklärte Mutter Sybrina Fulton. Trayvons Vater, Tracy Martin, sagte: "Sogar jetzt, wo er tot ist, respektieren sie meinen Sohn nicht. Das ist eine Sünde."

Robert Zimmerman, der Vater des Schützen, versucht ebenfalls, den Ruf seines Sohnes zu retten. Er weist in einem Brief an den Orlando Sentinel den Rassismusvorwurf zurück: "Er wäre der Letzte, der irgendjemand diskriminieren würde." Die Mutter des Schützen sei Peruanerin, weshalb George genau wie Trayvon einer Minderheit angehöre, argumentiert der Vater. Zudem habe sein Sohn Afroamerikaner und Latinos als Freunde gehabt.

Auch Zimmermans Anwalt Craig Sonner besteht darauf, dass der Vorfall nichts mit Rassismus zu tun habe. Sein Mandant habe die Frage, ob er etwas gegen Schwarze habe, klar und glaubwürdig verneint, sagte der Jurist im CNN-Interview. Zimmerman und dessen Ehefrau hätten zwei Kinder einer alleinerziehenden afroamerikanischen Mutter finanziell unterstützt, damit diese etwa an Sportveranstaltungen oder Ausflügen teilnehmen konnten.

"Ich hatte immer einen guten Eindruck von ihm"

Ein Freund der Familie Zimmerman namens Joe Oliver sagte ABC News, Zimmerman habe niemanden töten wollen: "Er hat tagelang geheult." Oliver verteidigt Zimmerman, für dessen Festnahme eine schwarze Separatistengruppe, die New Black Panther Party, ein "Kopfgeld" in Höhe von 10.000 Dollar ausgesetzt hat, ebenfalls gegen den Rassismus-Vorwurf. Hier geht es vor allem um ein Wort Zimmermans, das auf dem automatisch aufgezeichneten Notruf nicht deutlich zu verstehen ist. Schimpfte der 28-Jährige auf "goons", also auf Schläger? Oder verwendete er das Wort "coons", was Waschbär bedeutet und ein übles Schimpfwort für Afroamerikaner ist? Letzteres wäre ein Indiz dafür, dass ein hate crime vorliegt, also ein aus niederen Beweggründen motiviertes Verbrechen.

Nachbarn aus Sanford, einer Mittelklassesiedlung aus 250 identischen Häusern, beschreiben Zimmerman als engagiertes Mitglied der Bürgerwehr, der freundlich und aufmerksam gewesen sei. Einmal habe er sie darauf hingewiesen, dass ihre Garage offen stehe, sagte Samantha Leigh Hamilton der Nachrichtenagentur AP: "Ich hatte immer einen guten Eindruck von ihm." Als Hamilton nach Sanford, wo etwa 60 Prozent Weiße und 30 Prozent Farbige leben, gezogen sei, habe ihre schwarze Nachbarin von Zimmerman geschwärmt: Wenn sie verreise, informiere sie ihn, damit er ihr Haus im Auge behalte.

Andere Medien beschäftigten sich mit der Kindheit des 28-Jährigen. Als Sohn eines Armee-Angehörigen wuchs er in einem katholischen Haushalt in Virginia auf, in dem strenge Regeln galten. "George und seine Geschwister durften nie mit den anderen Kindern spielen, sondern mussten im Haus bleiben", erinnert sich ein Nachbar im Gespräch mit der Washington Post an den früheren Ministranten. 2001 wurde gegen ihn wegen eines geringfügigen Vergehens ermittelt, doch die Details seien nicht mehr im Polizeicomputer gespeichert.

Als Jugendlicher hatte sich Zimmerman offenbar sehr für Wirtschaft interessiert und war laut Washington Post Mitglied des "Future Business Leaders of America Club". In seiner Abschlusszeitung hatte er geschrieben, er wolle in das Geschäft seines Patenonkels in Florida einsteigen. Nach dem Umzug der Familie in den Sunshine State überlegte es sich der junge Mann jedoch offenbar anders und belegte Kurse, um in den Polizeidienst aufgenommen zu werden. Dieser Plan scheiterte, der junge Mann schlug sich mit verschiedensten Jobs durch und patrouillierte als Chef der freiwilligen Bürgerwehr durch Sanford. Während ihn einige Nachbarn als "Fanatiker" bezeichneten, hielten die meisten ihn für "überehrgeizig".

"Möchtegern-Cop"

Es ist nicht nur der Anwalt von Trayvon Martins Eltern, die Zimmerman als "Möchtegern-Cop" bezeichnen. Den Mitgliedern der freiwilligen Bürgerwehren ist es verboten, mit einer Waffe auf Patrouille zu gehen: Sie sollen lediglich die Augen und Ohren der Polizei sein. Zudem folgte Zimmerman nicht der Aufforderung aus der Zentrale, die verdächtige Person nicht eigenmächtig zu verfolgen. Wie die Aufzeichnungen der Polizei Sanford belegen, hat Zimmerman in den vergangenen Jahren mindestens 46-mal "911" gewählt und den Polizisten per Notrufnummer von offen stehenden Garagen, spielenden Kinder, lauten Partys und falsch geparkten Autos berichtet.

Das Magazin Mother Jones, auf dessen Website die Anrufe nachzuhören sind, charakterisiert Zimmerman als einen Mann, der von "Recht und Ordnung, den Einzelheiten des Vorstadtlebens und von schwarzen Männern besessen" war. Im August 2011 meldete er zwei Mal verdächtige farbige Männer, die zu Fuß in Sanford unterwegs seien. Zuletzt schlug er am 2. Februar Alarm, als sich ein Afroamerikaner in Lederjacke einem Haus näherte. Die Polizisten rückten aus, entdeckten jedoch nichts Verdächtiges.

Am 26. Februar war das anders: Um 19:11 Uhr meldete Zimmerman eine verdächtige Person in einem grauen Kapuzenpulli. Als die Beamten wenige Minuten später eintrafen, lag Trayvon Martin blutüberströmt auf der Straße und die Polizisten konnten nur noch seinen Tod feststellen.

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