Tod eines Teenagers in Florida "Was machst du hier?"

Auf dem Mitschnitt seines letzten Telefonats ist zu hören, wie jemand um Hilfe fleht. Dann fällt ein Schuss. In Florida tötet der Wachmann einer Bürgerwehr einen unbewaffneten 17-Jährigen - doch die örtliche Polizei sieht keinen Grund für Ermittlungen.

Von Reymer Klüver

Mehr als drei Wochen ist der Tag jetzt her, an dem Trayvon Martin starb. Oder muss man sagen, an dem der Teenager ermordet wurde? Kaltblütig erschossen? Der mutmaßliche Täter jedenfalls ist nach wie vor auf freiem Fuß. Und erst als Folge eines öffentlichen Aufschreis quer durch die USA hat die Polizei von Sanford, einer Kleinstadt nördlich der Millionenmetropole Orlando in Florida, die Ermittlungen abgegeben. Sie behauptet bis heute, dass kein Grund für eine Festnahme des Schützen bestehe, der vorgibt, aus Notwehr gehandelt zu haben. Das sehen das FBI, die US-Bundesanwaltschaft und das Justizministerium in Washington jedoch ganz anders. Sie haben sich inzwischen in den Fall eingeschaltet.

Der 17-jährige Trayvon wurde erschossen, als er zum Einkaufen ging.

(Foto: AP)

Denn Trayvon Martin, das Opfer, war ein Teenager mit schwarzer Hautfarbe. Der Todesschütze aber ist ein Weißer lateinamerikanischer Abstammung. Und er ist Freiwilliger der "neigborhood watch", einer der Bürgervereine zum Selbstschutz vor Kriminellen, wie es sie in vielen Gegenden der USA gibt. Seit Monaten patrouillierte er durch die Wohnanlage. Seit Anfang vergangenen Jahres hatte er die Polizei insgesamt 46 Mal alarmiert, auf Ruhestörungen und mutmaßlich betrunkene Autofahrer hingewiesen, vor allem aber auf verdächtige Personen mit angeblich auffälligem Verhalten.

Die Aufmerksamkeit der höherrangigen Strafverfolgungsbehörden hat der Fall indes wohl nicht nur erregt, weil das Opfer schwarz und der mutmaßliche Täter weiß ist. Sondern weil die örtlichen Behörden den Fall offenkundig als Notwehrakt abtun wollten - und keine weiteren Ermittlungen aufnahmen. Zeugen behaupten, dass örtliche Polizisten nicht bereit waren, detaillierte Schilderungen des Hergangs aufzunehmen - auch nicht, als sie angaben, dass es sich ihrer Einschätzung nach nicht um eine Notwehrtat handele. In Florida gilt eines der weitestgehenden Notwehrgesetze der USA. Es gewährt jedem Schutz vor Strafverfolgung, der geltend machen kann, sich aus Angst um Leib oder Leben mit der Waffe gewehrt zu haben. Die Eltern des toten 17-jährigen Trayvon Martin verlangen bisher vergeblich die Festnahme des 28 Jahre alten mutmaßlichen Todesschützen. "Das ist nicht gerecht", klagt sein Vater Tracy Martin. "Mein Sohn hatte nur Süßigkeiten in der Tasche, keine Waffe, nicht mal eine Nagelfeile. Es ist einfach ungeheuerlich."

Tatsächlich hatte sich Trayvon nur Skittles und eine Flasche Eistee während der abendlichen Live-Übertragung eines Basketballspiels aus einem Nachbarschaftsladen geholt und war auf dem Weg zurück zum Haus der Freundin seines Vaters. Der Fernsehsender ABC hat derweil einen quälenden Mitschnitt veröffentlicht: das letzte Handy-Gespräch des verängstigten Jungen. Trayvon rief eine Freundin an, um ihr zu sagen, dass ein Mann ihn verfolge und dass er nun seine Kapuze aufziehe - was ihn in den Augen des mutmaßlichen Schützen wohl nur noch verdächtiger machte. "Warum gehen Sie mir nach?", ruft der Teenager dem Mann zu. "Was machst du hier?", ist der zu hören. Dann kommt es offenbar zum Handgemenge und das Telefonat bricht ab. Das Mädchen rief sofort zurück. Aber Trayvon Martin antwortete nicht mehr.

Erst auf öffentlichen Druck hat die Polizei von Sanford ihrerseits Mitschnitte von Anrufen bei der Notrufzentrale veröffentlicht - darunter auch einen des mutmaßlichen Todesschützen. Darin ist zu hören, dass er den Jungen offenbar für betrunken hält. "Diese Arschlöcher kommen immer davon", beklagt er sich im Telefonat. Auf die Frage, ob er den Verdächtigen verfolge, antwortet der 28-Jährige nur knapp mit "Ja". "Okay, wir wollen nicht, dass Sie das tun", ist die Stimme aus der Notrufzentrale noch zu hören. Kurz darauf gehen aufgeregte Anrufe aus der Wohnanlage ein. "Sie kämpfen direkt vor meinem Haus", ruft eine Frauenstimme.

Auf einem weiteren Mitschnitt ist ein Schuss zu hören. Danach die Stimme eines Jugendlichen, der um Hilfe fleht. Dann fällt ein weiterer Schuss. Die Hilferufe sind verstummt. "Es ist eindeutig", sagt Natalie Jackson, eine Anwältin der Familie Martins, "da bettelt ein 17- jähriger Junge um sein Leben, und einer drückt kaltblütig ab."