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Der Tod von Shaima Alawadi und Trayvon Martin:Amerikas Furcht vor Kopftüchern und Kapuzenpullis

In Florida wird ein unbewaffneter afroamerikanischer Jugendlicher erschossen. Wenige Wochen später erschlägt ein Unbekannter eine irakische Frau in Kalifornien. Die Fälle haben nur wenig gemeinsam - doch sie werden in den USA zusammen diskutiert. Es geht um latenten Rassismus - und um die Frage, ob es gefährlich ist, bestimmte Kleidung zu tragen.

Shaima Alawadi und Trayvon Martin lebten ungefähr 4000 Kilometer voneinander entfernt. Die 32-jährige Irakerin aus San Diego und der 17-jährige Afroamerikaner, der aus der Kleinstadt Sanford in Florida stammte, sind sich niemals begegnet. Dennoch teilen sie ein Schicksal: Beide wurden getötet und über beide Fälle sind in den Vereinigten Staaten kontroverse Diskussionen um Diskriminierung und Rassismus entflammt.

Auch in Houston demonstrierten die Menschen: Nachdem der 17-jährige Trayvon Martin in Florida erschossen wurde, fordern sie Gerechtigkeit. Der Täter soll vor Gericht gestellt werden.

(Foto: AP)

Shaima Alawadi starb vor zwei Tagen. Ihre Tochter Fatima fand sie bereits am vergangenen Mittwoch im Esszimmer der Familie. Shaima Alawadi lag bewusstlos in ihrem eigenen Blut - ein Unbekannter war in das Haus im kalifornischen El Cajon bei San Diego eingedrungen und hatte mit einem Wagenheber auf die 32-Jährige eingeschlagen. Die Mutter von fünf Kindern erwachte nicht mehr. Am Tatort fanden Ermittler einen Zettel: "Geh nach Hause in dein eigenes Land. Du bist ein Terrorist", stand darauf geschrieben. Die Familie war gerade erst von Michigan nach El Cajon gezogen. Ungefähr 40.000 irakische Einwanderer leben dort. Nach Angaben der Polizei wird in alle Richtungen ermittelt. Ein sogenanntes Hate crime, also ein Verbrechen, das aus Hass begangen wird, möglicherweise Rassenhass, sei nur eines der möglichen Tatmotive.

Der Fall Shaima Alawadi schlug hohe Wellen. Auch in Bloggerkreisen. Und nicht nur dort werden Vergleiche gezogen zum Tod von Martin.

Ein Symbol für latenten Rassismus

Der schwarze Teenager wurde am 26. Februar in Sanford, Florida, getötet. Der 28-jährige George Zimmerman, ein selbsternannter Nachbarschaftsschützer, erschoss ihn, obwohl die Polizei ihm zuvor sogar davon abgeraten hatte, den Jungen zu verfolgen ( Der Notruf Zimmermans kann beim News-Portal Mother Jones angehört werden). Später berief der Schütze sich auf Notwehr, auf das umstrittene "Stand your Ground"-Recht, das den Einsatz von Schusswaffen auch bei nur "gefühlter" Gefahr erlaubt. Die Polizei leitete erst ein Ermittlungsverfahren ein, nachdem es Demonstrationen in vielen amerikanischen Städten gab und sich Präsident Barack Obama einschaltete.

Der Tod von Trayvon Martin ist in den Vereinigten Staaten innerhalb eines Monats zu einem neuen Symbol geworden für latenten Rassismus - für den in der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen und auch in den Polizei- und Justizbehörden im Speziellen. Prominente Bürgerrechtler wie Al Sharpton fordern einen Prozess gegen Zimmerman, der bislang weder festgenommen noch offiziell beschuldigt wurde. Vor allem aber verlangen sie Gerechtigkeit in einem Justizsystem, in dem die Hautfarbe allzu oft über das Schicksal von mutmaßlichen Tätern und Opfern mitentscheidet.

Roland Martin, einer der leidenschaftlichsten schwarzen Kommentatoren im amerikanischen Fernsehen, glaubt, dass allein die Tatsache, dass das Opfer eine schwarze Hautfarbe hat und einen Kapuzenpulli trug, den selbsternannten Nachbarschaftswächter zur Waffe greifen ließ. Vorurteile und Klischees sein es, die nach wie vor das Bild der Afro-Amerikaner in den Augen der Weißen bestimmten. "Klischees mit tödlichen Folgen", sagt Roland Martin. "Wir Schwarze haben diese Klischees satt."

"Vorsicht beim Tragen von Kopftüchern"

Die Wut über die beiden Fälle hat viele Menschen in Amerika erfasst. Blogger und Journalisten machen ihrem Ärger über Twitter Luft. In nur wenigen Stunden, so schreibt die New York Times, sei die Tötung von Shaima Alawadi eines der am meisten diskutierten Themen auf der Internetplattform gewesen. "Willkommen in Amerika, wo du umgebracht wirst, weil du verdächtig bist, wenn du einen Hoodie ( amerikanisches Wort für Kapuzenpulli, Anm. d. Red.) oder ein Kopftuch trägst", schreibt etwa Yemyoom.

Der Journalist Josh Shahryar twittert: "Vorsicht beim Tragen von Kopftüchern" und postet dazu ein Interview mit der 17-jährigen Tochter von Shaima Alawadi, das sie im örtlichen Fernsehen gegeben hat. Der amerikanische Blogger Ferrari Sheppard bringt die Tötung der 32-jährigen Irakerin in Verbindung mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak. Seitdem das geschehen sei, habe sich in der US-Gesellschaft auch ein islamfeindliches Klima verstärkt.

Am 10. April wird nun doch eine Grand Jury (Anklagekammer) darüber befinden, ob George Zimmerman wegen Mordes an Trayvon Martin angeklagt wird. Die Demonstranten riefen diesen Tag bereits zum Kapuzentag aus. Und sie wünschen sich, dass an diesem Tag viele aus Solidarität einen Hoodie tragen sollten.

Im Fall von Shaima Alawadi dauern die Ermittlungen an. Einen Verdächtigen gibt es bisher nicht.