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CDU:"Das letzte Jahr war ein schlimmes"

Landesparteitag CDU Thüringen

Christian Hirte, 44, ist in Bad Salzungen geboren. Der Vater dreier Kinder ist Jurist und Bundestagsabgeordneter. Als Landeschef will er Thüringens CDU zu Geschlossenheit verhelfen.

(Foto: Michael Reichel/dpa)

Christian Hirte soll Thüringens CDU erneuern. Der neue Vorsitzende reißt zwar nicht mit, zeigt aber die Zuversicht, die die Landespartei gerade dringend braucht.

Von Ulrike Nimz

Christian Hirte hat sich einen Bart wachsen lassen. Das machen Politiker manchmal, wenn sie zeigen wollen, dass sie in Zeiten medialer Abstinenz gereift sind, vielleicht sogar geläutert. Vor allem, wenn die Auszeit unfreiwillig war. Als am 5. Februar der FDP-Mann Thomas Kemmerich mit Stimmen von CDU und AfD zum Ministerpräsidenten Thüringens gewählt wurde, ging die Nachricht buchstäblich um die Welt. Hirte gratulierte dem "Kandidaten der Mitte" von Tokio aus. Die Kanzlerin, in Südafrika weilend, sah das dezidiert anders. Kemmerich war dann nur sehr kurz im Amt und Hirte nicht länger Ostbeauftragter der Bundesregierung. Er sei der "Anregung" Angela Merkels gefolgt und zurückgetreten, formuliert der Geschasste es bis heute. So als hätte die Kanzlerin ihm Feuerland als Urlaubziel empfohlen. Seinen Glückwunsch-Tweet hat er bis heute nicht gelöscht.

Nun steht Christian Hirte, 44, hinter einem Rednerpult in der Erfurter Messe beim Landesparteitag und spricht von Neuanfang und Geschlossenheit. Seit dem unfreiwilligen Rückzug Mike Mohrings führt er die lädierte Landespartei kommissarisch. "Das letzte Jahr war ein schlimmes", beginnt Hirte seine Rede, und zumindest darüber herrscht Einigkeit im Saal. Hinter der einstigen Regierungspartei liegen eine krachend verlorene Landtagswahl, Führungsstreitigkeiten und eine Ministerpräsidentenwahl, deren Erschütterungen bis Berlin zu spüren waren, wo Hirte seit 12 Jahren im Bundestag sitzt und vorerst auch sitzen bleiben will. Ob er, wie die Landeschefs vor ihm, seine Partei als Spitzenkandidat in die Thüringer Landtagswahl im kommenden Jahr führen wird, lässt er offen. Man müsse eine Frage nach der anderen klären, sagt Hirte. Einige in der CDU legen ihm das als Zaudern aus.

Als Kind träumt Hirte davon, Kosmonaut zu werden. Seine Parteikarriere ist jedoch von ausgewiesener Bodenständigkeit. 1993 tritt er in die Junge Union ein, zwei Jahre später in die CDU, hat diverse Landesämter inne. 2008 rückt Hirte, inzwischen Jurist und Wirtschaftsrechtler, in den Bundestag nach. Im Jahr darauf gewinnt er das Direktmandat, hat es seitdem verteidigt. 2017 wird Hirte Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder - auf Anregung der Bundeskanzlerin, die sich von der Personalie Schwung für die Ost-Landtagswahlen im Herbst 2019 verspricht.

Er klingt wie der Onkel aus dem Westen

Hirte, in Bad Salzungen geboren und dreifacher Vater, erzählt gern vom Bauernhof seiner Großeltern, 50 Meter vom Sperrzaun der innerdeutschen Grenze entfernt, von den Demonstrationen in seiner Heimatstadt. Wie er sich, als einziger Katholik der Jahrgangsstufe, für seinen Glauben habe rechtfertigen müssen. Helmut Kohl nennt er sein Idol.

Und doch bleibt er als Ostbeauftragter blass. Als er sich 2018 zum Tag der Deutschen Einheit mit einer Videobotschaft an seine Landsleute wendet, lobt er die sanierten Innenstädte, die saubere Umwelt, die solide Wirtschaft. Er sagt Sätze wie: "Wenn wir selbst nicht positiv und optimistisch über uns selbst reden, dann tut es auch kein anderer." Hirte schafft es, trotz seines weichen Dialektes so zu klingen wie der Onkel aus dem Westen: ungleiche Löhne, fehlende Führungspositionen, Demokratieverdruss? Nicht der Rede wert.

"Lockerungsübungen nach links und rechts"

Hirte, so scheint es, ist ein unerschütterlicher Optimist. Und zweifellos ist Optimismus das, was die Thüringer CDU nun braucht. In Erfurt spricht Hirte länger als geplant. Über "die Situation", in die man nach der Kemmerich-Wahl "geraten" sei. Das Hauptproblem sei nicht das Abstimmungsverhalten oder der anschließende Glückwunsch-Tweet gewesen, sondern die "Lockerungsübungen nach links und rechts". In sachlichem Ton beschwört Hirte die so genannte politische Mitte, rügt die vermeintlichen Ränder.

Das Wort "Fehler" benutzen andere an diesem Tag. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der als gut gelaunter Gastredner auftritt. Oder eben Mike Mohring, der zum Abschied einen Wanderrucksack geschenkt bekommt, den er beiläufig in die Ecke pfeffert, um doch noch einmal zum Mikro zu greifen und den Saal für wenige Minuten mit so etwas wie Pathos zu füllen.

Während Machtwillen, Talent und Skrupellosigkeit Mohring einen Glamour verliehen, wie man ihn von Profizockern kennt, wirkt Hirte auf der Bühne bisweilen wie ein Versicherungsvertreter mit Spezialgebiet Risikominimierung. Man müsse nun "die Partei zusammenbinden", sagt er in seiner Bewerbungsrede. Doch die Unfreiwilligkeit, die da mitschwingt, zeigt sich schlussendlich auch im Wahlergebnis. Knapp 68 Prozent der Mitglieder sprechen sich für den neuen Landeschef aus. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht. "Ich werde hart daran arbeiten, auch noch die anderen zu überzeugen", sagt Christian Hirte mit Blumenstrauß in der Hand. Er bekommt höflichen Applaus.

© SZ.de/vwu/stein

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