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Zum Tod von Thomas Oppermann:Der Pragmatiker

Der Niedersachse Thomas Oppermann war ein Sozialdemokrat, dem Regieren definitiv wichtiger war als Ideologie. Attacke konnte er, als Bundestagsvizepräsident zeigte er seinen Humor. Den Posten, von dem er träumte, erreichte er nicht.

Nachruf von Nico Fried, Berlin

Es ist gerade mal zwei Monate her, dass Thomas Oppermann ankündigte, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. Nach 30 Jahren in der Politik sei nun "der richtige Zeitpunkt, noch einmal etwas anderes zu machen", ließ der Bundestagsvizepräsident damals verlauten. Er wolle sich "neuen Projekten" widmen.

Das konnte man sich bei ihm gut vorstellen. Oppermann war ein agiler Mann, der gerne las, reiste und stets jünger aussah als er war. Seine besondere Leidenschaft galt dem Sport, er kickte in der Mannschaft des Bundestages, seit 2019 war er Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes. Und schon seit seiner Jugend fieberte er mit den traditionsreichen Göttinger Basketballern.

Die Nachricht von deren Einzug in die Finalrunde des deutschen Pokalturniers hat Oppermann am Samstag noch getwittert. Es war seine letzte Botschaft. Am Sonntagabend ist der SPD-Politiker gestorben. Er wurde 66 Jahre alt.

Traumjob Innenminister

Thomas Oppermann war von 1990 an 15 Jahre lang Abgeordneter im niedersächsischen Landtag und danach noch mal so lange Mitglied des Bundestages. Seinen Wahlkreis Göttingen hat er viermal direkt gewonnen, trotz der bundesweiten Talfahrt der SPD. Oppermann war ein pragmatischer Sozialdemokrat, dem Regieren definitiv wichtiger war als Ideologie, Gestalten wichtiger als Recht behalten. Er war Minister in Hannover, parlamentarischer Geschäftsführer und später Fraktionsvorsitzender in Berlin.

Nur seinen größten politischen Traum konnte er sich nicht verwirklichen. In der Erklärung, sich aus der Politik zurückzuziehen, bewies Oppermann Größe, als er selbst darauf hinwies, dass er "das Ziel, Bundesinnenminister zu werden, um unter anderem eine fortschrittliche und kontrollierte Migrationspolitik durchzusetzen, nicht verwirklichen konnte".

Oppermann, 1954 als Sohn eines Molkereimeisters und dessen Frau im münsterländischen Freckenhorst geboren, blieb in der Schule zweimal sitzen, machte aber als einziges von vier Kindern Abitur. Ein erstes Studium in Tübingen brach er zunächst ab. Nach einem Aufenthalt in den USA für die Aktion Sühnezeichen studierte er dann aber in Göttingen im Eiltempo Jura. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er aus einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, aber auch als Bauarbeiter und Nachtwächter.

Er absolvierte das zweite Staatsexamen mit Prädikat und arbeitete als Verwaltungsrichter und Rechtsdezernent. 1980 war Oppermann in die SPD eingetreten, zehn Jahre später in den Landtag gewählt worden. Er fiel schon dem Ministerpräsidenten Gerhard Schröder auf, im Frühjahr 1998 machte der ihn zum Wissenschafts- und Kulturminister. Oppermann blieb auch unter Schröders Nachfolgern Gerhard Glogowski und Sigmar Gabriel im Amt, modernisierte die niedersächsischen Hochschulen und setzte sich für Studiengebühren ein, was ihm in der eigenen Partei nicht nur Freunde schaffte.

In Berlin galt Oppermann seit seinem Einzug in den Bundestag 2005 als ebenso talentiert wie ehrgeizig. Er wusste, mit den Medien umzugehen, und die schätzten ihn als immer erreichbaren, oft pointierten Gesprächspartner.

Aus Niedersachsen zu kommen, war für ihn politisch Segen und Fluch zugleich. Denn einerseits förderten ihn Landsleute wie Peter Struck, der Oppermann 2007 als parlamentarischen Geschäftsführer ausguckte. Das war eine Schlüsselfunktion in der Fraktion, in der sich Oppermann mit Disziplin und Durchsetzungsfähigkeit bis 2013 hielt, auch wenn seine Popularität unter den Abgeordneten nicht ungebrochen blieb, wie sich an den Ergebnissen bei den turnusmäßigen Wahlen des Fraktionsvorstandes zeigte.

Der Überhang prominenter SPD-Politiker aus Niedersachsen verhinderte allerdings auch seine Berufung ins Kabinett. 2013 holte ihn SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück für die Innenpolitik in sein Kompetenzteam. Während des Wahlkampfes machte Oppermann, der damals auch Vorsitzender des Kontrollgremiums für die Geheimdienste war, vor allem in der NSA-Affäre als unermüdlicher Ankläger der schwarz-gelben Bundesregierung von sich reden, die nach seiner Auffassung zu wenig für die Aufklärung des Abhörskandals tat.

Auch die Kanzlerin attackierte er damals wieder und wieder, was dem Wahlkampf geschuldet war. Nach der Bundestagswahl 2013 war es dann als neuer SPD-Fraktionschef gleichwohl auch Oppermanns Aufgabe, Angela Merkels zweiter großer Koalition verlässlich die Stimmen der Sozialdemokraten zu sichern.

Auf den Ministerposten, den er so gerne gehabt hätte, musste er zugunsten von Sigmar Gabriel verzichten, der als Wirtschaftsminister und Vizekanzler in die Regierung eintrat. Aus Gründen des Proporzes war für einen zweiten Niedersachsen kein Platz am Kabinettstisch.

Zum TV-Interview am Sonntag kam es nicht mehr

Zumindest das Staatsmännische durfte Oppermann zuletzt als Vizepräsident des Bundestages ausleben, was er stets dezent erledigte, freundlich und oft mit Humor. Die letzte, wie immer ausufernde Parlamentsrede seines politischen Weggefährten Gabriel unterbrach er vor einigen Monaten lächelnd mit den Worten: "Lieber Herr Kollege, auch wenn ich Ihnen gern zuhöre: Sie haben Ihre Redezeit bereits erheblich überschritten."

Am Sonntag sollte Oppermann, Vater von vier Kindern, ein Fernsehinterview geben. Als Vizepräsident des Bundestages wollte er dort vermutlich für mehr Mitsprache des Parlamentes in der Corona-Politik eintreten, wie er das zuvor in seinem letzten Interview für die SPD-Zeitung Vorwärts getan hatte. Doch das Gespräch fand nicht mehr statt.

© SZ/odg/cat
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