Merkels Sommer-PK Ist die Kanzlerin unantastbar?

Was in rund 90 Minuten danach folgt, ist erstens eine Demonstration davon, dass Merkel nach zwölf Jahren im Amt über den Stahlstandort genauso detailliert reden kann wie über die Türkei-Politik, die Sanktionen gegen Russland oder die Bildungspolitik in Deutschland. Und es ist zweitens eine Demonstration Merkel'scher Art, mit dem politischen Gegner umzugehen. Zunächst antwortet sie lächelnd auf die Vorhaltung, sie habe den Namen Martin Schulz kaum in den Mund genommen: "Ich habe ihn jetzt einmal erwähnt, sonst wäre die Frage in einer halben Stunde gekommen."

Bundestagswahl Schulz: Deutschland muss Bildungsland Nummer eins werden
SPD-Kanzlerkandidat

Schulz: Deutschland muss Bildungsland Nummer eins werden

Mit einer "Nationalen Bildungsallianz" attackiert Martin Schulz Kanzlerin Merkel. Er will viele Milliarden in Deutschlands Schulen stecken - und dafür das Grundgesetz ändern.   Von Jakob Schulz, Berlin

Dann räumt sie binnen Sekunden dessen Forderung ab, im Streit mit Ankara Verhandlungen über eine erweiterte Zollunion auszusetzen. Das sei zwar schade, aber nicht anders zu machen. Und das werde sie gleich am Mittwoch dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker klar machen. "Ich bedauere das, aber ich halte es für geboten."

Nicht minder geschmeidig geht sie mit dem Ruf der SPD nach Sammelklagen in der Diesel-Affäre um. Bedauerlich sei halt, dass der SPD-Justizminister bei seinem Vorschlag nicht das übernommen habe, was es im Kapitalmarkt schon gebe. Deshalb müsse man noch mal neu prüfen, was wirklich gehe.

Ein bisschen schmallippig und vorsichtig wird Merkel aber dann doch noch

Und dann nimmt sie sich den jüngsten Vorschlag von Schulz vor. Er hatte am Montag einen Plan vorgelegt, wie der Bund künftig bei Schulen und Bildung mehr tun sollte. Schnell kann man erkennen, dass sich die Kanzlerin noch am Montag die wichtigsten Infos hat zukommen lassen. Und so zählt sie auf, dass kaputte Schulgebäude längst mit Bundesmitteln renoviert würden; 3,5 Milliarden Euro habe man schon gegeben, weitere 3,5 Milliarden werde es oben drauf geben. Im Übrigen sei das so genannte Kooperationsverbot schon gelockert worden; dafür habe auch sie selbst hart gekämpft, und zwar in den eigenen Reihen. Und wenn man nun andere Finanzhilfen wie das Meister-Bafög noch hinzunehme, komme man "ungefähr auf die gleiche Summe", die die Sozialdemokraten vorgeschlagen hätten. Hase und Igel-Spiel - und Merkel ist schon da gewesen.

Ist die Kanzlerin also unantastbar? Fast hätte man den Eindruck bekommen können. Zumal sie die Kritik an ihrer Nutzung von Hubschraubern auch für Wahlkampfauftritte trocken konterte mit dem Hinweis, das habe Gerhard Schröder 2005 aufgrund der Zwänge des Amtes genauso gehandhabt. Ein bisschen schmallippig und vorsichtig wird sie aber dann doch noch. Und zwar, als es um ihre engsten Mitarbeiter geht, die im Wahlkampf neben dem Gehalt im Kanzleramt auch noch einen Mini-Job von der Partei bezahlt bekommen. Man habe überlegt, wie man deren Engagement transparent machen könne, erklärt sie und klingt tatsächlich ein wenig nachdenklich. Inzwischen aber werde der Rechnungshof die Sache prüfen, und das sei nur zu begrüßen.

Es ist ein kleiner, ein kurzer Moment in anderthalb Stunden, die ansonsten von einem anderen Gefühl geprägt sind. "Ich führe mein Amt gerne aus", sagt die Kanzlerin an einer Stelle. Das ist tatsächlich selten so glaubhaft rübergekommen wie diesmal.

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