Syrien Die Schlacht nach der Schlacht

Auf dem Vormarsch: Kämpfer der "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF) im Westteil von Raqqa.

(Foto: Rodi Said/Reuters)
  • Die von den US-Soldaten unterstützten Milizen unter dem Dach der Syrischen demokratischen Kräfte (SDF) haben seit Monaten einen Ring um Raqqa gezogen.
  • Westliche Geheimdienste prophezeien einen harten Häuserkampf wie im Westen Mossuls.
  • 160 000 Zivilisten sind in Raqqa nach UN-Angaben eingeschlossen. Sie werden zunehmend Opfer der intensivierten Luftangriffe.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Kurdische Kämpfer der YPG und mit ihnen verbündete arabische Milizen haben am Montag die alten Stadtmauern von Raqqa erreicht. Der zweite Abbasiden-Kalif, Abu Jafar al-Mansur, Gründer von Bagdad, hatte sie 772 verstärken lassen. Er wollte den Ort zur zweiten Hauptstadt seines Reiches ausbauen. Bagdad kamen die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) zwar bis auf 30 Kilometer nahe, aber Raqqa nahmen sie im Januar 2014 ein.

Beginnend im September 2013 hatten sie gemäßigte Rebellen wie die Freie Syrische Armee vertrieben. So wurde die im modernen Syrien unbedeutende Stadt im intensiv landwirtschaftlich genutzten Tal des Euphrat zur Kapitale des Terror-Kalifats des Abu Bakr al-Baghdadi, ausgerufen ein halbes Jahr später in der Nuri-Mosche in der Altstadt von Mossul im Irak.

Umgeben von den Stadtmauern in Raqqa finden sich heute mehrstöckige Beton-Zweckbauten, in denen der IS Hauptquartiere und seine Bürokratie angesiedelt hat. Zwischen 2500 und 5000 IS-Kämpfer sollen sich dort verschanzt halten. Westliche Geheimdienste prophezeien einen harten Häuserkampf wie im Westen Mossuls. 160 000 Zivilisten sind in Raqqa nach UN-Angaben eingeschlossen. Sie werden zunehmend Opfer der intensivierten Luftangriffe.

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Sie hätten sich trotz Warnschüssen einem US-Militärstützpunkt genähert, heißt es seitens des Pentagon. Acht Menschen kommen ums Leben.

Zuletzt gab es Vorwürfe, die USA hätten über der Stadt Munition mit weißem Phosphor eingesetzt. Er kann nach internationalem Recht zur Gefechtsfeldbeleuchtung und Vernebelung eingesetzt werden, nicht aber über bewohntem Gebiet. Dort wirkt Phosphor wie eine Brandbombe und kann zu schwersten Verletzungen führen.

Wenn der IS Raqqa und Mossul verliert, ist das "Kalifat" Geschichte

Die von den US-Soldaten unterstützten Milizen unter dem Dach der Syrischen demokratischen Kräfte (SDF) haben seit Monaten einen Ring um Raqqa gezogen. Sie umgingen den befestigten Norden und stoßen nun zugleich von Westen und Osten in die Stadt vor.

Anfang Juni begannen sie offiziell mit der Offensive - sehr zum Missfallen der Türkei, die eine Beteiligung der YPG ablehnt. Diese gelten Ankara als Ableger der PKK und damit als Terrorvereinigung. Wenn Raqqa fällt und zuvor noch Mossul, dann hat das Kalifat seine beiden wichtigsten Orte verloren. Als staatsähnliches Gebilde ist es dann Geschichte, auch wenn es in Irak und in Syrien weiter Gebiete gibt, die von IS-Kämpfern kontrolliert werden.

In Syrien ist dies vor allem das Tal des Euphrat südöstlich von Raqqa. In Deir el-Sour belagert der IS mehr als 200 000 Zivilisten in einer von der Regierung kontrollierten Enklave. Vor allem aber zwischen al-Mayadin und dem grenznahen al-Bukamal verorten westliche Geheimdienste wichtige Führungskader des IS, die sich aus Raqqa abgesetzt haben und dort noch 5000 bis 8000 Kämpfer um sich geschart haben; sie gelten als der harte Kern des IS. Über alte Schmugglerpfade durch die Wüste sind sie über die Grenze hinweg mit Zellen in der irakischen Provinz Anbar verbunden.