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Rotes Kreuz:Warum die Suche nach den Vermissten des Weltkrieges verlängert wird

0 Jahre DRK-Suchdienst

Zentrale Namenskartei des DRK-Suchdienstes in Hamburg.

(Foto: dpa)

Mehr als 20 Millionen Namen hat der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in seiner Kartei registriert: NS-Opfer, Soldaten, Flüchtlinge, Kriegsgefangene. Die Zahl der Suchanträge ist hoch - und es werden immer mehr.

Von Constanze von Bullion, Berlin

Es dauert nicht lang, dann beginnt sich dieses Beben in der Stimme von Manfred Kropp auszubreiten. Es mag sich über Minuten nicht vertreiben lassen. "Man wills nicht", sagt er und meint dieses Kuvert, das ihn in diesem Jahr erreicht hat, dick und schwer. "Jetzt ist es aus", hat er damals gedacht.

Aber dann hat er den Umschlag doch geöffnet und zwischen 34 Stück Papier die Unterschrift seines Vaters gefunden. Er ist tot, 1942 im sowjetischen Kriegsgefangenenlager Losininowskij zugrunde gegangen, an Mangelernährung. Grabnummer 21/742.

"Irgendwie hat das zufrieden gemacht", sagt Kropp.

Mittwoch in der Bundespressekonferenz in Berlin, die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Gerda Hasselfeldt, hat zu einem eher ungewöhnlichen Termin eingeladen. Es geht um Suchende und Gesuchte des Zweiten Weltkriegs. Neben ihr auf dem Podest sitzen zwei ältere Herrschaften, die es nicht gewohnt sind, in der Öffentlichkeit über ihre Gefühle zu berichten.

Manfred Kropp ist 79 Jahre alt und aus Bayern angereist. Heidi Büttner ist 81 und aus Eichwalde bei Berlin. Beide sind ohne ihre Väter groß geworden und haben erst jetzt, 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erfahren, was aus den verschwundenen Wehrmachtssoldaten geworden ist.

Mehr als 20 Millionen Menschen hat der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in seiner Zentralen Namenskartei registriert. Es sind die Namen von Toten und Vermissten des Zweiten Weltkrieges, von elend zugrunde gegangenen Kriegsgefangenen und Soldaten, von Zivilisten, die im Bombenkrieg verschütt gingen, aber auch von Kindern, die in den letzten Jahren auf der weltweiten Flucht von ihren Eltern getrennt wurden.

Eine Sammlung, die nicht unterscheidet zwischen Tätern und Opfern

Eine Sammlung ist das, die nicht unterscheidet zwischen Tätern und Opfern, Kriegsverbrechern oder Unbescholtenen. Was Millionen digitalisierter Namen eint: Sie gehören zu Menschen, die von jemandem vermisst wurden. Und ihre Geschichten treiben nicht nur Angehörige in vorgerücktem Alter um.

"Es ist ein großes menschliches Anliegen, dass über das Schicksal von Familienangehörigen Gewissheit besteht", sagt Gerda Hasselfeldt am Mittwoch. Hasselfeld, die sich zuletzt als resolute Chefin der CSU-Landesgruppe im Bundestag einen Namen gemacht hatte, ist inzwischen DRK-Präsidentin und erfreut, dass die Suche nach Vermissten nun verlängert wird.

Das Bundesinnenministerium, das den Suchdienst des Roten Kreuzes finanziert, wird die Förderung nicht 2023 einstellen wie geplant, sondern bis 2025 verlängern. Denn anders als erwartet, sinkt die Zahl der Suchanfragen nicht. Im Gegenteil. Im letzten Jahr erreichten den Suchdienst 10091 Anfragen, in diesem Jahr werden es wohl 11 000 werden, Tendenz steigend.

"Wir erleben es überall, dass es eine vermehrte Nachfrage nach Themen gibt, die im vergangenen Jahrhundert stattgefunden haben", sagt am Montag Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und zuständig für den Bereich Heimat. Er betrachte es als "Stärkung des gesamtgesellschaftlichen Gemeinwohls", Fragen nach vermissten Angehörigen zu beantworten.

Neue Möglichkeiten eröffnen da vor allem Archive der ehemaligen Sowjetunion. Seit 1992 kann dort auch über deutsche Soldaten und Kriegsgefangene recherchiert werden, die nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion abhanden gekommen sind.

Etwa jede fünfte Anfrage beim Suchdienst ist inzwischen erfolgreich. Doch es sind nicht nur verbesserte Erfolgsquoten, die zu vermehrten oder wiederholten Anträgen führen. Die Antragsteller werden statt immer älter neuerdings auch wieder jünger. "Es gibt mittlerweile eine Generation von Enkeln, die sich stark interessiert", sagt Gerda Hasselfeldt. Sie begrüße das.

Möglicherweise würden die Diskussionen in den Familien heute "intensiver geführt" als nach dem Zweiten Weltkrieg. Möglich ist aber auch, das sagt Hasselfeldt nicht, dass das Schicksal verschollener Wehrmachtsgroßväter in Teilen der jüngeren Generationen heute mehr Empathie weckt als in früheren Jahren.

Wir schwer die Ungewissheit wiegen kann und die Frage, wo Angehörige geblieben sind, das beschreibt am Mittwoch in Berlin die 81-jährige Heidi Büttner. Ihr Vater geriet 1945 in der Slowakei in russische Gefangenschaft. Das stand auf einer Postkarte. Mehr wusste ihre Mutter nicht.

Das Bangen und Beten dieser Mutter hat nicht nur die Kindheit von Heidi Büttner begleitet wie ein Schatten. "Die innere Unruhe, nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist, hat mich über Jahrzehnte bewegt, begleitet, nie ganz losgelassen", sagt sie.

1995, nach dem Ende des Kalten Krieges, stellte sie einen Suchantrag beim Deutschen Roten Kreuz. Gefunden wurde nichts. 2019 hat sie es wieder versucht, weil die Sache sie nicht losließ.

Aus russischen Archiven tauchte jetzt eine Geschichte auf, die von Hunger und Elend handelte im Spezialhospital Nummer 1631 südöstlich von Moskau. Todesdatum, Bestattungstermin, Grabnummer ihres Vaters - es hat Tage gedauert, bis Heidi Büttner begriff, was diese Zahlen für sie bedeuteten: eine Befreiung. "Mir ist jetzt leichter ums Herz", sagt sie. "Ich kann jetzt leichter an meinen Vater denken."

Auch der Suchdienst selbst wird Forschungsgegenstand

Aber es sind nicht nur Einzelschicksale, denen neue Aufmerksamkeit gewidmet wird. Auch der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes selbst soll Gegenstand der Forschung werden. Im Auftrag des Bundesinnenministeriums startet das Institut für Zeitgeschichte München ein entsprechendes Forschungsprojekt.

18 Millionen deutsche Soldaten seien im Zweiten Weltkrieg in Europa unterwegs gewesen, Millionen Zivilpersonen vertrieben oder umgesiedelt worden, sagt Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts.

Der DRK-Suchdienst habe solche Lebensgeschichten über Jahrzehnte hinweg nachverfolgt. "Dadurch ist ein großer Wissensfundus entstanden". Der Quellenfundus, so der Historiker, sei "bisher noch nicht in ausreichender Weise aufgearbeitet".

Es klingt, als sei da ein Schatz zu heben.

© SZ/odg
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