Entwarnung an Flughäfen "Überhitzt und ziemlich schnell hochgelaufen"

Abmarsch: Die verstärkte Polizeipräsenz am Stuttgarter Flughafen (hier am Donnerstag) wurde wieder zurückgefahren.

(Foto: Sven Kohls/dpa)
  • Die Beobachtungen am Pariser Flughafen Charles de Gaulle und am Stuttgarter Flughafen stehen den Behörden zufolge "in keinem Zusammenhang mit möglichen Anschlagsplanungen".
  • Der Fall sei "überhitzt und ziemlich schnell hochgelaufen", sagten Staatsschützer auf Anfrage.
  • Gefährdungs-Meldungen richtig einzuschätzen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Sicherheitsorgane.
Von Georg Mascolo und Stefan Mayr, Stuttgart

Nach den vermeintlichen Ausspähversuchen mutmaßlicher Islamisten an den Flughäfen in Stuttgart und Paris hat die Polizei am Freitagnachmittag Entwarnung gegeben: Das Geschehen am Stuttgarter Terminal stehe "in keinem Zusammenhang mit möglichen Anschlagsplanungen oder islamistischen Aktivitäten", teilten die Staatsanwaltschaft Stuttgart und die Polizei Reutlingen mit. Vielmehr hatten die beobachteten Männer eine Frau zum Flughafen gebracht und sich danach länger in der Abflughalle aufgehalten. Dabei hatten sie Verdacht erregt, weil sie aufmerksam verfolgten, wie ihre Bekannte durch die Sicherheitskontrolle ging.

Die Polizei hatte am Mittwochabend die Sicherheitsvorkehrungen an vielen Flughäfen massiv verstärkt, weil den Behörden mehrere verdächtige Beobachtungen aus Frankreich, Marokko und Deutschland zugeleitet worden waren. Auf den Zufahrtsstraßen zum Flughafen Stuttgart wurden alle Fahrzeuge kontrolliert. Im Terminal patrouillierten schwer bewaffnete Einsatzkräfte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen vier Männer wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Doch seit Freitagabend ist klar: Eine konkrete Anschlagsgefahr bestand nicht. "Bei keinem der überprüften Männer handelt es sich um einen sogenannten Gefährder", betonten die Behörden.

Der Fall sei "überhitzt und ziemlich schnell hochgelaufen", sagten Staatsschützer auf Anfrage. Bereits am Donnerstag war das Bundeskriminalamt in einer Lageeinschätzung zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Anschlag "eher auszuschließen" sei. Dies entspricht Stufe 7 auf einer achtstufigen Skala von 1 (mit einem gefährdenden Ereignis ist zu rechnen) bis 8 (keine Gefahr). Der Verdacht auf einen Anschlag hatte sich weitgehend auf einen aus Marokko übermittelten Chat-Verlauf gestützt; in diesem wurden einer jungen Frau detaillierte Überlegungen für einen Angriff gegen einen Flughafen im deutsch-französischen Grenzgebiet geschildert. Dies so präzise darzustellen, entspreche nicht dem sonst zu beobachtenden konspirativen Verhalten, urteilte das BKA. Vieles spreche dafür, dass sich der Chat-Partner gegenüber der Frau nur "profilieren" wollte.

Ein weiterer Verdachtsmoment ergab sich aus einer Beobachtung am Pariser Flughafen Charles de Gaulle in der vergangenen Woche: Dabei war ein Transporter mit Aachener Kennzeichen aufgefallen. Das Fahrzeug, ein weißer Mercedes Sprinter, gehörte einem Mann marokkanischer Abstammung, der mehrere ähnliche Fahrzeuge besitzt und den die Behörden in Nordrhein-Westfalen schon länger kennen. Er fuhr davon, bevor ihn die französische Polizei befragen konnte. Doch er wurde von einer Überwachungskamera gefilmt. Die Überprüfung des 48-jährigen Deutschen habe aber "keine Hinweise auf einen geplanten Anschlag" ergeben, bestätigten nun die Behörden.

Hunderte solche Meldungen in jedem Jahr

Auch von der vermuteten Ausspähaktion am Flughafen Stuttgart gab es Video-Aufnahmen. Darauf hatte ein Beamter der nordrhein-westfälischen Polizei den Sohn des Aachener Mannes erkannt. Dies stellte sich später als Irrtum heraus.

Gefährdungsmeldungen richtig einzuschätzen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der Sicherheitsorgane. Jedes Jahr gehen Hunderte solcher Meldungen bei den Behörden ein, insbesondere in der Weihnachtszeit. Jede einzelne muss bewertet und eingeschätzt werden. Nähme man jede Drohung ernst, käme das öffentliche Leben zum Erliegen. Übersieht man eine reale Gefahr, kann es Tote geben.

Die Behörden hatten an zahlreichen Flughäfen im Südwesten die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, sogar bundesweit wurde die Bundespolizei zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen. Am Freitagabend wurden die Maßnahmen wieder auf Normalmaß heruntergefahren.

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