Studie zu Energieversorgung Greenpeace: Problemloser Atomausstieg in vier Jahren

Blackout für Süddeutschland, steigende Strompreise: Die Atomlobby hatte düstere Prognosen für den Fall eines schnellen Ausstiegs aus der Kernenergie verbreitet. Jetzt kontert Greenpeace mit einer Studie, wonach der Ausstieg bis 2015 realistisch sei - ganz ohne negative Folgen.

Bringt der geplante Atomausstieg Deutschland in Not? In der Koalition regt sich Widerstand gegen beschleunigte Ausstiegspläne: Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs forderte in der Leipziger Volkszeitung sogar, die wegen Sicherheitsbedenken derzeit abgeschalteten Alt-AKW wieder in Betrieb zu nehmen.

Kernkraftwerk Isar 1 nahe Landshut: Nach einer Studie von Greenpeace ist der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2015 problemlos möglich.

(Foto: dapd)

Am Montag hatte der Chef von RWE Innogy, Fritz Vahrenholt, düstere Prognosen verbreitet: Er warnte vor einem Blackout - insbesondere in Süddeutschland. Dieser werde derzeit nur durch die erheblichen Stromimporte aus Frankreich und Tschechien verhindert, sagte Vahrenholt der Welt. Zudem sei mit steigenden Strompreisen zu rechnen.

Nun kontert Greenpeace mit einer Studie: Demnach könne Deutschland bis 2015 aus der Atomkraft aussteigen, ohne dass dadurch negative Folgen für die Sicherheit der Stromversorgung, den Klimaschutz oder die Energiekosten entstünden. Das sei das Ergebnis einer aktuellen Berechnung von Greenpeace, die die unabhängige Umweltschutzorganisation auf Basis aktueller Kraftwerksplanungen vorgenommen hat.

Demnach können die sieben ältesten Reaktoren und der Pannenmeiler Krümmel abgeschaltet bleiben. Auch das in einem Erdbebengebiet liegende AKW Neckarwestheim 2 könne bereits 2011 dauerhaft stillgelegt werden. In den Jahren 2012 bis 2015 könnten jedes Jahr zwei weitere Reaktoren vom Netz gehen.

Für die 17 deutschen Atomreaktoren müssen Kraftwerkskapazitäten von 21.000 Megawatt ersetzt werden. In den Berechnungen legt Greenpeace dar, dass dies ohne zusätzliche Stromimporte gewährleistet werden könne: Selbst in Zeiten mit extrem hoher Stromnachfrage, in denen aber gerade kaum Strom aus Wind- und Sonnenenergie zur Verfügung steht, sei die Versorgung gesichert.

"Fauler Kompromiss"

Grund dafür sei laut Greenpeace, dass im bestehenden Kraftwerkspark Überkapazitäten bestünden. Es seien bereits 51 neue Kraftwerke in Bau und Planung, darunter fast 20 Erdgaskraftwerke und zehn Windparks auf dem Meer. Weiter erklärte Greenpeace, dass dafür sehr viel weniger Kohlekraftwerke nötig wären, als zurzeit gebaut werden. Andree Böhling, Energie-Experte der Organisation, fordert deshalb, dass sich die Bundesregierung auf das Jahr 2015 festlege. Alles andere bezeichnete er als "faulen Kompromiss".

Ähnlich hatte sich zuvor bereits das Umweltbundesamt geäußert: Es sieht trotz der vorübergehenden Abschaltung der acht Meiler keinen Bedarf für Stromimporte. "Deutschland ist nicht auf Stromimporte aus Frankreich oder anderen Ländern angewiesen, sondern könnte sich komplett selbst versorgen", sagte der Energie- und Klimaexperte der Behörde, Harry Lehmann, der dpa. Die aktuellen Importe seien preisgetrieben, weil sich Stromhändler mit dem billigsten Strom eindecken.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hatte erst kürzlich bekanntgegeben, dass sich seit dem 17. März die Stromflüsse insbesondere aus Frankreich und Tschechien verdoppelt hätten. Verbandschefin Hildgard Müller warnte deshalb vor steigenden Stromimporten.

Union und FDP hatten noch im Dezember vergangenen Jahres eine Verlängerung der Nutzung der Atomenergie in Deutschland bis mindestens 2035 beschlossen. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) brachte unter dem Eindruck der Atomkatastrophe in Japan allerdings einen Ausstieg innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre ins Gespräch, also bis etwa 2026. Nach dem rot-grünen Atomausstiegsbeschluss sollte das letzte AKW etwa 2021 vom Netz gehen. Die SPD tritt derzeit für einen Ausstieg bis 2020 ein, die Grünen bis spätestens 2017. Die CSU macht sich für einen Atomausstieg bis etwa 2020 stark.

Steinmeier: Ausstieg muss unumkehrbar werden

Derweil kündigt SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier an, dass die SPD einem neuen Energiekonsens mit der Bundesregierung zum Atomausstieg nur unter bestimmten Voraussetzungen zustimmen wolle. "Der Ausstieg muss glaubwürdig sein. Das ist er dann, wenn die vorsorglich vom Netz genommenen Atomkraftwerke auch dauerhaft abgeschaltet bleiben", sagte Steinmeier dem Handelsblatt. Zudem müssten die von Union und FDP im vergangenen Jahr durchgesetzten Laufzeitverlängerungen für alle AKW wieder rückgängig gemacht werden. Schließlich müsse der Ausstieg "unumkehrbar geregelt" und weiter beschleunigt werden.

Zuvor hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor einem übereilten Atomausstieg gewarnt. "Wir können nicht über Nacht aus der Kernenergie aussteigen", sagte er der Rheinischen Post. "Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass wir nicht auf einer Insel der Glückseligen leben", so der Minister. "Es nützt nichts, wenn wir aussteigen, und um uns herum laufen jede Menge Kernkraftwerke weiter - in nahezu allen Nachbarstaaten."