Streitschrift Soll man die Begriffe "Volk " und "Heimat" vor den Rechten retten?

Einige Autoren wollen derzeit verhindern, dass sich die linksliberale Elite von "Volk" und "Heimat" verabschiedet.

(Foto: picture alliance / Frank Rumpenh)
  • Über Wörter wie "Heimat" und "Volk" herrscht ein Deutungsstreit in Deutschland.
  • In seinem Buch "Heimat. Volk. Vaterland. Eine Kampfansage an Rechts" nennt der Autor Peter Zudeick sie "die allerselbstverständlichsten Worte", die er sich nicht von den Rechten stehlen lassen will.
  • Mit seiner Schlussfolgerung - was die Nazis nicht explizit "erfunden", sondern nur missbraucht haben, lasse sich ohne Weiteres auch heute wieder sagen - macht Zudeick es sich aber etwas zu leicht.
Von Robert Probst

"Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir. Und in allen Gegensätzen steht - unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert - die stille Liebe zu unserer Heimat." Geschrieben hat das Kurt Tucholsky in der Endphase der Weimarer Republik. Dass Deutschland ein gespaltenes Land sei, wird gerade wieder sehr gern behauptet, und dass man nicht mehr unvoreingenommen von "Heimat" und "Volk" sprechen könne auch. Es herrscht ein Wort-Deutungsstreit in Deutschland, welche ideologische Richtung dabei welchen Standpunkt vertritt, ist oft gar nicht so leicht zu durchschauen. Meist geht es dabei recht philosophisch zu. Der Journalist Peter Zudeick hat nun versucht, ein paar Schneisen in den Wortdschungel zu schlagen. Dabei kommt er immerhin zu zwei klaren Bekenntnissen.

Satirische Betrachtungen sind eine Spezialität von Zudeick, hier aber meint er es ernst. Bei den Worten Heimat und Volk kennt er keinen Spaß - für ihn sind das "die allerselbstverständlichsten Worte", die er sich nicht von den Rechten stehlen lassen will. Nur weil diese die Worte (dazu gehört auch "Vaterland", das dann aber selbst Zudeick nach einiger Überlegung nicht mehr verteidigen möchte) missbrauchen, sie ideologisch verbrämen und gegen die freiheitliche und liberale Gesellschaft wenden. Zudeick befindet sich da in guter Gesellschaft, auch andere Autoren sind gerade auf Rettungsmission für bestimmte Begriffe. Sie wollen verhindern, dass sich die linksliberale Elite von "Volk" und "Heimat" verabschiedet.

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Es ist spannend nachzuvollziehen, wie Zudeick die Entstehung von Heimat, Volk und Vaterland als leidlich unschuldige Wörter erklärt und dann die ideologische Aufladung im 18. und 19. Jahrhundert und die anschließende Umdeutung durch den NS-Staat interpretiert. Darin liegt die Stärke des schmalen Bands. Das ist alles gut und allgemein verständlich erklärt, die Problematik liegt allerdings in der Schlussfolgerung. Hier macht es sich Zudeick ein wenig einfach, wenn er sagt: Was die Nazis nicht explizit "erfunden", sondern nur missbraucht haben, lässt sich ohne Weiteres auch heute wieder sagen.

Das ist vom emotionalen Standpunkt aus betrachtet womöglich nachvollziehbar. Doch was die Rechten, die Identitären und die AfD mit den Begriffen so treiben, bleibt im Dunkeln trotz der Warnung vor deren "systematischer Volksverdummung". Dass sie etwa beide Wörter vor allem dazu nutzen, Exklusion zu betreiben, indem sie bestimmte unliebsame Gruppen von der Teilhabe ausschließen wollen.

Doch an dem Bekenntnis kann man sich ja reiben, es handelt sich schließlich um eine Streitschrift. Und die ist erfreulicherweise auf sehr aktuellem politischen Stand.

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