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Streiks im öffentlichen Dienst:"Die ganzen Mittelfinger, die ich jeden Tag kriege"

Warnstreik im Öffentlichen Nahverkehr - Stuttgart

In Stuttgart standen die Busse am Donnerstag still, weil ihre Fahrerinnen und Fahrer für bessere Arbeitsbedingungen kämpften. Am Freitag trifft es Bayern, Berlin und Brandenburg.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Schon wieder streiken die Bus- und Straßenbahnfahrer, an diesem Freitag trifft es unter anderem Berlin und Bayern. Warum tun sie das? Eine Spurensuche in München.

Von Benedikt Peters

Der Mann auf der Treppe am Münchner Ostbahnhof hat keine Zeit. Er hetzt die Stufen hinab Richtung U-Bahn. Man darf kurz mit ihm sprechen, aber nur im Gehen. "Muss zur Schicht", sagt er. Der Mann ist um die 50, er trägt ein hellblaues Hemd über dem mächtigen Bauch, dunkelblaue Jacke und Schlips: die Uniform eines Straßenbahnfahrers. Wie er das mit den Streiks sieht? "Der Zeitpunkt ist eigentlich falsch", sagt er durch seinen Mundschutz. "Aber wir müssen jetzt was tun."

Die Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnfahrer mussten sich in den vergangenen Tagen viel anhören. Vergangenen Dienstag legten sie mit einem bundesweiten Warnstreik etliche Städte lahm: In Berlin ging bis nachmittags nichts mehr, in München stauten sich Autos, in Nordrhein-Westfalen waren die Busse überfüllt. In Medien und sozialen Netzwerken hagelte es Kritik. Muss das sein, ein Streik mitten in der Pandemie?

Diese Woche ließ die Gewerkschaft Verdi die zweite Streikrunde folgen, Bundesland für Bundesland. An diesem Freitag sind Brandenburg, Berlin und Bayern an der Reihe. Was treibt die Fahrerinnen und Fahrer um? Das soll ein Streifzug durch München zeigen, an einem Herbsttag kurz vor der zweiten Streikrunde.

Der Verkehr ist zäher, der Stress größer, die Pausen kürzer

Der Straßenbahnfahrer vom Ostbahnhof ist inzwischen die Rolltreppe hinuntergehetzt, doch die U-Bahn, die ihn zum Schichtbeginn an die Starthaltestelle bringen soll, ist schon weg. So bleiben ein paar Minuten mehr zum Reden. Sein Name soll keine Rolle spielen, zu heikel, findet er. So sehen es auch die anderen Fahrer in dieser Geschichte. Seit 29 Jahren sei er jetzt dabei, erzählt der Mann, früher habe ihm die Arbeit Freude gemacht. Seit ein paar Jahren aber sei das anders. "Jetzt ziehst du nur deine Schicht durch und guckst, dass du irgendwie überlebst." Der Verkehr sei zäher geworden, der Stress größer, die Pausenzeiten kürzer. "An der Endstation hast du nicht mal mehr Zeit, in Ruhe auf Toilette zu gehen."

Die Gewerkschaft Verdi beschreibt die Zustände naturgemäß noch etwas drastischer, die Vorstände sprechen von "krank machenden Arbeitsbedingungen", zu denen der Personalmangel und das höhere Fahrgastaufkommen geführt hätten. Verdi will die Kommunen dazu bringen, sich auf bundesweit einheitliche Regeln zur Entlastung der Fahrer zu einigen: Es soll 30 Urlaubstage geben, Vereinbarungen zum Überstundenabbau, gleiche Schichtzulagen und Sonderzahlungen.

Derzeit gilt stattdessen ein Flickenteppich, mal gibt es nur 26 Urlaubstage, mal keine Schichtzulagen. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber (VKA) weigert sich jedoch, die Verhandlungen aufzunehmen. Sie sei gar nicht zuständig, da die Kommunen ihr kein Mandat erteilt hätten. Auf Seiten von Verdi hält man das für ein "Scheinargument", schließlich habe man auch früher schon bundesweite Verträge zum öffentlichen Nahverkehr ausgehandelt. Die Streiks sollen weitergehen, bis die Arbeitgeber nachgeben, Corona hin oder her.

Nicht alle Fahrer finden das gut. Das lässt sich in einem Bus erfahren, den ein junger dunkelhaariger Mann an jenem Herbsttag durch den Münchner Süden steuert. "Ich habe nicht gestreikt, weil ich das nicht richtig finde in dieser Zeit", sagt er. Mit seinem Job sei er "ganz zufrieden", mit Zuschlägen komme er auf gut 2000 Euro netto im Monat, er wohne in einer Vierer-WG. "Mit dem Geld komm' ich prima hin."

Das Geschimpfe der Leute macht vielen zu schaffen

Er verstehe, wenn ältere Kollegen mit Familie das anders sähen. Streiken werde er aber auch weiterhin nicht. "Die Leute haben in diesen Tagen andere Sorgen." Andere Busfahrer erzählen, dass Fahrgäste sie wegen des Streiks beschimpfen. Der Ärger dürfte auch deshalb groß sein, weil wegen der Warnstreiks in der parallel laufenden Tarifrunde im öffentlichen Dienst auch noch Erzieher, Krankenpfleger und andere Beschäftigte die Arbeit niederlegten, zeitweise blieben etwa einige Kitas zu. In der Tarifrunde streitet Verdi für höhere Löhne.

Das Geschimpfe der Leute macht vielen zu schaffen, zum Beispiel der Fahrerin, die am Ostbahnhof vor ihrem Bus steht und an einer Kippe zieht. 27 Jahre alt sei sie, und bis vor Kurzem habe sie Vollzeit gearbeitet. Dann habe sie es nicht mehr ausgehalten. "Die ganzen Mittelfinger, die ich jeden Tag kriege, das macht wirklich keinen Spaß mehr."

Sie zeigt hinein in den Bus, in dem der Bereich vor der Fahrerkabine abgesperrt ist, damit sie Abstand zu den Passagieren halten kann. "Das war nicht immer so mit der Absperrung", sagt sie. "Aber wir sind trotzdem gefahren, die ganzen Corona-Monate, wir haben immer funktioniert." Sie streike, weil es ihr um Respekt gehe, sagt sie. "Die Leute sollen verstehen, dass wir etwas wert sind." Sie weiß aber auch, dass der Arbeitskampf nicht allen Fahrern helfen wird. Für die Kollegen, die bei privaten Subunternehmen angestellt sind, gilt der Tarifvertrag häufig nicht. "Wir machen doch alle die gleiche Arbeit", sagt sie. Ich versteh's nicht."

Auf dem Bahnsteig unten fährt schließlich die U-Bahn ein. Der Straßenbahnfahrer mit dem mächtigen Bauch sagt, dass der Streik für ihn auch eine Frage der Pflicht sei. "Wenn meine Gewerkschaft dazu aufruft, dann mache ich mit. So lange, bis sich etwas verändert." Dann steigt er ein und fährt zum Schichtbeginn.

© SZ vom 09.10.2020
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