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Österreich:Antisemitische Widmung von Strache aufgetaucht

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Strache Mitte Mai bei der Präsentation seiner neuen Partei in Wien.

(Foto: REUTERS)
  • In einer handschriftlichen Widmung von vermutlich Anfang der Neunzigerjahre in einem antisemitischen Buch bezeichnet der ehemalige österreichische Vizekanzler Strache Juden offenbar als "Gegner" und "machtlüstern".
  • Strache teilte der SZ über seinen Anwalt mit, er könne sich weder an das Buch noch an eine solche Widmung erinnern.
  • Einem Gutachter zufolge war es "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" Strache selbst, der die antisemitische Äußerungen geschrieben hat.

Entgegen seinen bisherigen Beteuerungen hat der österreichische Rechtspopulist und frühere Vizekanzler Heinz-Christian Strache Juden offenbar als "Gegner" und "machtlüstern" bezeichnet. Strache hatte bislang behauptet, sich "nie" antisemitisch geäußert zu haben. Laut einem Gutachter war es aber "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" Strache selbst, der antisemitische Äußerungen handschriftlich in ein klar antisemitisches Buch geschrieben hat. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung teilte Strache über seinen Anwalt mit, er könne sich weder an das Buch noch an eine solche Widmung erinnern.

Bei dem 273-seitigen Buch handelt es sich um die "Jüdischen Bekenntnisse aus allen Zeiten und Ländern" des antisemitischen Autors Hans Jonak von Freyenwald. Es ist im Original 1941 im nationalsozialistischen Stürmer-Verlag erschienen. Bei dem Buch mit der Widmung handelt es sich um einen Nachdruck aus dem Jahr 1992. Strache kann sie also frühestens Anfang der Neunzigerjahre - und damit zu einer Zeit, als er bereits Bezirkspolitiker in der Wiener FPÖ war - handschriftlich hineingeschrieben haben.

Bilder Buch Widmung Strache

Die Widmung, die mit Heinz-Christian Strache unterzeichnet ist: "Dieses Buch soll Dir einen Einblick in die jüdisch verworrende und machtlüsterne Gedankenwelt vermitteln."

(Foto: Süddeutsche Zeitung)

"Das ist ein Werk für fanatische Antisemiten", sagt Wolfgang Benz, der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, über die "Jüdischen Bekenntnisse". "Man findet darin alle typisch jüdischen Stereotype, geschäftstüchtig, feige, faul, kriegslüstern, das Buch ist ein Kompendium der Judenfeindschaft."

Strache erklärte über seinen Anwalt, den Inhalt des Buches nicht zu kennen. Er würde sich aber "ohne Einschränkungen von dessen Aussagen distanzieren", wenn das Buch den von der SZ "skizzierten judenfeindlichen Gehalt aufweist". Judenfeindlichkeit lehne er "aus tiefer Überzeugung" ab.

Die Hetzschrift soll Strache für einen Weggefährten aus rechtsextremen Kreisen signiert haben, so jedenfalls hat es ein Informant, der anonym bleiben möchte, versichert. Der angeblich Beschenkte gehörte zum Milieu der deutschnationalen Verbindungen, nach seinem Tod wurde das Buch mit Straches Widmung der Süddeutschen Zeitung zugespielt. Strache ließ über seinen Anwalt mitteilen, dass er den Mann gekannt habe.

Ein von der SZ beauftragter Sachverständiger für Handschriftenuntersuchungen kommt in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Widmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 Prozent von Heinz-Christian Strache stammt. Auch zwei Sinnsprüche auf der Innenseite des Buchumschlags hat demnach der Rechtspopulist in das Buch geschrieben. Es handelt sich um ein Zitat des antisemitischen deutschen Historikers und Dichters Ernst Moritz Arndt sowie ein militärisch-martialisches Gedicht des 1973 verstorbenen österreichischen Nationalsozialisten Joseph Hieß.

Strache

Ein Sachverständiger kommt in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Widmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99 Prozent von Heinz-Christian Strache stammt.

(Foto: Lea Gardner)

Straches frühere Nähe zum rechtsextremen Milieu ist schon länger bekannt. Er habe sich von der Szene jedoch "bereits in den frühen Neunzigerjahren" abgewandt, erklärte sein Anwalt. Strache lehne Antisemitismus "entschieden und aus voller Überzeugung" ab. Zudem vertrete er seit Jahren auch deutlich "proisraelische Positionen".

Strache war 2019 von seinem Amt als österreichischer Vizekanzler zurückgetreten, nachdem SZ und Spiegel enthüllt hatten, dass er sich bei einem Treffen auf Ibiza offen gezeigt hatte für korrupte Geschäfte. Der Rechtspopulist wurde im Zuge der Ibiza-Affäre aus seiner früheren Partei - der FPÖ - ausgeschlossen. Bei der Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl im Oktober tritt Strache nun als Spitzenkandidat der neu gegründeten Partei "Team HC Strache" an.

© SZ.de/lalse

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