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Prantls Blick:Tödlicher Ernst

Bundesverfassungsgericht verkündet Urteil zum Sterbehilfe-Verbot

Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe

(Foto: Uli Deck/dpa)

Selbstbestimmung ist nicht nur beim Sterben, sondern auch im Leben wichtig. Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben muss gestärkt werden. Das nicht beachtet zu haben, ist eine brutale Karlsruher Nachlässigkeit.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Oft denk' ich an den Tod, den herben,

Und wie am End' ich's ausmach'?!

Ganz sanft im Schlafe möcht' ich sterben -

Und tot sein, wenn ich aufwach'!

Carl Spitzweg, Maler.

Es ist ein revolutionäres Urteil. Es ist ein in seiner Klarheit, seiner Wahrheit und seinen Folgen umwälzendes Urteil. Es ist ein Urteil, das Rechts- und Gesellschaftsgeschichte schreibt und das Schicksale entscheidet. Dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichts erlaubt nicht nur die Hilfe beim Sterben, es erlaubt ausdrücklich die Hilfe zum Sterben; es erlaubt also die Sterbehilfe, es erlaubt jedwede Beihilfe zum Suizid, auch die bisher verbotene geschäftsmäßige Beihilfe. Es bleibt freilich bei der Strafbarkeit der Tötung auf Verlangen - die dann vorliegt, wenn der Sterbehelfer nicht nur hilft, sondern als Täter den Handlungsablauf dominiert.

Das höchste deutsche Gericht gibt dem Menschen ein umfassendes Recht auf einen selbstbestimmten Tod, auf ein selbstbestimmtes Sterben. Und dieses Recht, so sagen die Richter, schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Es ist ein spektakuläres Urteil, das noch jahrelang für Diskussionen sorgen und den Gesetzgeber intensiv beschäftigen wird.

Der Gesetzgeber muss sich jetzt überlegen, wie er dem Recht auf Sterben zu seinem Recht verhilft; er muss sich überlegen, wie künftig der Erwerb eines tödlichen Medikaments möglich ist; wie Ärzte, die Suizidassistenz leisten, nicht mehr mit berufsrechtlichen Sanktionen bedroht werden; wie Sterbehilfevereine, die jetzt ja wieder erlaubt sind, künftig kontrolliert werden, auf dass Sterbehilfe dort nicht zur Quacksalberei wird.

Wider die Übertherapie am Lebensende

Beim Lesen des Urteils stockt einem der Atem, weil man den tödlichen Ernst der Sache spürt, weil man ahnt, dass das Urteil gewaltige Auswirkungen haben wird: Es verändert ja den Blick auf das Leben, wenn es nun gleichermaßen ein Recht auf Sterben wie ein Recht auf Leben gibt, wenn also der Tod so richtig und so wichtig ist wie das Leben.

Relativiert womöglich das neue, vom Bundesverfassungsgericht postulierte Recht auf einen guten, selbstbestimmten Tod die Absolutheit des Rechts auf Leben? Wird das Recht auf Leben kleiner, weil es ein Recht aufs Sterben, ein Grundrecht auf den Suizid gibt? Indes: Aus dem Recht auf Leben hat sich noch nie eine Pflicht zum Leben ergeben - und schon gar nicht gab es eine Pflicht des Schwerstkranken, noch alle möglichen Eingriffe zu erdulden.

Und trotzdem gab es lange Zeit in den Krankenhäusern eine bedenkliche, die Menschen quälende Übertherapie am Lebensende. Dieser Übertherapie samt künstlicher Sondenernährung setzt nun das Recht auf Sterben ein Ende. Es gab in den Kliniken tagtäglich Auseinandersetzungen über das Recht zum Sterben - zwischen Angehörigen, Ärzten und Juristen. Das Sterbendürfen war zu einer juristischen Kunst geworden, am Sterbebett standen Paragrafen und Urteile, die die Selbstbestimmung des Patienten grob missachteten und die Wirksamkeit von Patientenverfügungen einschränkten. Richter verlangten vor dem Abbruch künstlicher Sondenernährung bei Wachkoma-Patienten selbst bei anderslautender Anordnung in der Patientenverfügung die "letzte Sicherheit, dass die Krankheit des Betroffenen einen irreversiblen und tödlichen Verlauf angenommen hat".

Einige Gerichte haben zwar versucht, die dadurch entstandene Verunsicherung von Patienten, Ärzten, Betreuern und Richtern wieder zu beseitigen - aber richtig gelungen ist das nicht. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts könnte da jetzt Sicherheit geben: Wenn es nun ein Recht zum Sterben gibt, dann ist es auch nicht mehr möglich, einen Patienten gegen seinen Willen künstlich am Leben zu erhalten. Es könnte dies eine der ganz positiven Auswirkungen des Karlsruher Urteils sein.

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