Sri Lanka: "Ranil go home"

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Sri Lanka: Am Mittwoch protestieren Demonstranten in Colombo friedlich gegen die Präsidentschaft von Ranil Wickremesinghe.

Am Mittwoch protestieren Demonstranten in Colombo friedlich gegen die Präsidentschaft von Ranil Wickremesinghe.

(Foto: Abhishek Chinnappa/Getty)

Ranil Wickremesinghe, der sechsmalige Premierminister von Sri Lanka, wurde vom Parlament zum neuen Präsidenten gewählt. Doch die krisengebeutelten Menschen wollen ihn nicht.

Von David Pfeifer, Bangkok

Es war ein erstaunlich unspektakuläres Ergebnis, das den Aufruhr im Land kaum widerspiegelt: Ranil Wickremesinghe, 73, der Sri Lanka schon sechs Mal als Premierminister mitgelenkt hat, wird neuer Präsident. So wie es der alte, geflüchtete Präsident Gotabaya Rajapaksa, genannt Gota, per Mail aus Singapur verfügt hatte. Das Parlament hat diesen Wunsch bestätigt, und nun regiert in Colombo im Grunde der alte Clan weiter, der das Land in eine Wirtschaftskrise ungekannten Ausmaßes manövriert hat. Dass Ranil Wickremesinghe im Vergleich zu seinem Vorgänger als klüger und gemäßigter gilt, ändert daran nichts.

"Ich danke dem Parlament für diese Ehre", sagte er nach der Bekanntgabe. Wickremesinghe erhielt 134 der 225 Stimmen, sein Hauptkonkurrent, Dullas Alahapperuma, konnte nur 82 Abgeordnete auf seine Seite ziehen. Mit diesem Ergebnis ignorierte das Parlament den Willen der Protestierenden, allerdings spricht in der aktuellen Situation auch einiges für Wickremesinghe. Er ist ein eingeführter Ansprechpartner für den Internationalen Währungsfond (IWF), mit dem gerade ein Milliardenkredit verhandelt wird. Er kennt den Stand der Verhandlungen mit China und Indien. Und er gilt als intelligenter Geschäftsmann, was beim Feilschen um dringend benötigte Gelder für Treibstoff, Lebensmittel und Medizin helfen könnte.

"Unser Land steht vor gewaltigen Herausforderungen, und wir müssen eine neue Strategie entwickeln, um die Hoffnungen der Menschen zu erfüllen", sagte Wickremesinghe nach seinem Abstimmungssieg. Die Frage ist nur, was er den Menschen im Land sagen kann, das ihre Wut auf die Regierung mildert, die er nun durchgehend personifiziert. Als am vorvergangenen Wochenende der Präsidentenpalast gestürmt wurde, zündeten Protestierende auch sein Privathaus an. Wickremesinghe bot danach seinen Rücktritt als Premier an, doch es kam anders.

Als Wickremesinghe zuletzt 2019 vom Amt des Premierministers zurücktrat, war seine Partei, die einst dominierende United National Party (UNP), zersplittert, weil sich eine Gruppe von Abgeordneten abgesetzt und eine neue Opposition gegründet hatte. Bei den Parlamentswahlen 2020 erhielt er kaum Stimmen und musste als einziger parlamentarischer Vertreter der UNP über ein Listensystem ins Parlament einziehen.

Die Demonstranten nannte Wickremesinghe "Faschisten" und "Extremisten"

Erst in diesem Mai, zwei Monate nach Ausbruch der Proteste, rückte Wickremesinghe an die Stelle von Mahinda Rajapaksa, dem älteren Bruder des Präsidenten. Seitdem verhandelt er mit dem IWF über ein Rettungspaket von bis zu drei Milliarden US-Dollar. "Dies ist eine Wirtschaftskrise und keine politische Krise", sagte der Generalsekretär der regierenden Partei SLPP, Sagara Kariyawasam, der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir glauben, dass Ranil Wickremesinghe die einzige Person ist, die über die Erfahrung, das Know-how und die Fähigkeit verfügt, Lösungen für die Wirtschaftskrise zu finden." Wickremesinghe hatte Sri Lanka 2001 aus einer massiven Rezession geführt.

Auch Gotabaya Rajapaksa pries Wickremesinghe als Verhandler an, als er ihn in die Position des Premierministers hievte. Demonstranten jedoch werteten Wickremesinghes Entscheidung, das Amt anzunehmen, als Verrat an der Volksbewegung; er wurde beschuldigt, die Rajapaksa-Familie weiter zu stützen und zu schützen. Dass Wickremesinghe dann in der vergangenen Woche die demonstrierenden Menschen "Faschisten" und "Extremisten" nannte, hat die Stimmung nicht befriedet. Statt "Gota go Home" skandieren Protestler inzwischen "Ranil go home", auch auf Banderolen ist der Spruch zu lesen.

Der Jurist Wickremesinghe kommt aus einer politischen Familie. 1978 wurde er als 29-Jähriger von seinem Onkel, dem damaligen Präsidenten, zum jüngsten Minister Sri Lankas ernannt. Nach der Ermordung von Präsident Ranasinghe Premadasa wurde er 1993 zum ersten Mal Premierminister. Er hielt sich nicht lange und hat auch später nie eine Amtszeit beendet, gilt als jemand, der sich vor allem mit den Eliten im Land gut stellt. In der Wählergunst rangierte der Politikerclan der Rajapaksas vorn, auch weil ihnen die Niederschlagung des Bürgerkriegs angerechnet wurde. Wickremesinghe hingegen hängt der Vorwurf an, die Rajapaksas im Kontext des Bürgerkriegs vor Untersuchungen wegen Menschenrechtsverletzungen zu schützen.

Auf Twitter kursiert nun ein altes Fernsehinterview mit Wickremesinghe, in dem er Politik mit Sport vergleicht. "Es ist Teamwork wie beim Kricket. Es ist, wie wenn man die Ausdauer für einen Marathon haben muss. Es ist ein hartes Spiel, wie Rugby, und es ist ein blutiger Sport, wie Boxen."

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