Asien:Wie sich Sri Lanka seine Abhängigkeit erkauft hat

Lesezeit: 2 min

Asien: Die Menschen in Sri Lanka haben ihr Schicksal in die Hand genommen - und den Präsidenten aus seinem Amtssitz gedrängt.

Die Menschen in Sri Lanka haben ihr Schicksal in die Hand genommen - und den Präsidenten aus seinem Amtssitz gedrängt.

(Foto: Rafiq Maqbool/picture alliance/dpa/AP)

Der Rajapaksa-Clan hat ein geschlossenes System von Günstlingen und Profiteuren erschaffen. Aber das eigentliche Problem ist: Wie in anderen Ländern der Region auch wurde das auf Pump finanziert - etwa mit Geld aus China.

Kommentar von David Pfeifer

Man blickt ungläubig auf das, was sich in Sri Lanka abspielt, und fragt sich: Wie konnte es so weit kommen? Gotabaya Rajapaksa und sein Clan hatten sich an die Spitze des kleinen Landes gesetzt, alle wichtigen Ämter mit Familienmitgliedern und Vertrauten besetzt und so ein System erschaffen, in dem alle profitierten, die sich gut mit ihnen stellten. Eine Perspektive für das Land und die Leute? Sah dieses System nie vor.

Eine Landwirtschaftsreform, vor einem Jahr durchgedrückt und auch im Ausland gefeiert, weil sie künstliche Dünger verbot, ließ die Preise auf den Märkten steigen. Und zwar so stark, dass sich die Armen nichts mehr leisten können. Sie haben auch nicht von der Steuerreform profitiert, die ebenso hastig eingeführt wurde, um andere Wähler bei Laune zu halten.

Profitiert haben die wenigen, die einen Posten im Staatsapparat ergatterten. Sie bekamen damit leichter eine Wohnung und später vielleicht sogar eine bequeme Rente. Die Rajapaksa-Brüder haben diesen Apparat mit Ruchlosigkeit ausgebaut und mit Geld auf Pump geölt.

Europa investierte munter - ohne zu fragen, wohin das Geld fließt

Diese Art, Politik zu machen, war Sri Lanka freilich nicht ganz fremd, und es gibt auch einige Staaten in der Region, die demnächst in die gleiche Abwärtsspirale geraten könnten. Kleine Länder wie Nepal und die Malediven, aber auch große wie Bangladesch und Pakistan, deren Zusammenbruch den Rest der Welt deutlich stärker beschäftigen würde. In all diesen Ländern wird ein System mit geliehenem Geld - viel kommt aus China, einiges aus Indien und von den Finanzmärkten - am Leben erhalten.

Die indische Regierung, die selbst mit Armut im Land kämpfen muss, hat die Europäische Union und die USA immer wieder aufgefordert, ihre Investitionen in der Region genau zu prüfen und an harte Bedingungen zu knüpfen. Aber viele reiche EU-Länder, auch Deutschland, haben lieber investiert, ohne Vorschriften zu machen, vor allem in China. Und von dort ist das Geld weitergeflossen, in Brücken und Häfen, Bahnstrecken und Airports. Der eigentliche Preis, den die Schwellenländer für den Ausbau ihrer Infrastruktur bezahlen? Sie sind nun abhängig von einem autokratischen Staat, der vielen Beobachtern in der Region als potenziell größere Bedrohung als Russland erscheint.

Die Atommacht Pakistan ist direkt abhängig vom Politbüro in Peking

Es hat sich ein Prinzip etabliert, das Scheidungseltern bekannt vorkommen könnte: Das Kind fragt erst Mama, dann Papa, wenn es etwas haben will, gelobt dabei natürlich Kooperation und Wohlverhalten - und wenn es gut läuft, hat es am Ende beiden Elternteilen etwas aus den Rippen geleiert. Mittlerweile ist eine Atommacht wie Pakistan direkt abhängig vom Politbüro in Peking und von russischer Energie. Und Sri Lanka, das nur mit indischen Krediten überlebt, muss sich genau überlegen, wie unabhängig es in Zukunft noch von Delhi agieren kann.

Wenn die Europäer nicht anfangen, sich viel stärker in der Region zu positionieren, sich einzumischen und nur mit Bedacht zu investieren, werden sie für weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung unbedeutend werden. Und wenn die internationale Gemeinschaft keinen Plan entwickelt, an welche Bedingungen Kredite künftig geknüpft werden müssen, wird es stets Politiker geben, die diese Lücke nutzen, um einen Apparat zu ihrem persönlichen Vorteil zu schmieren. Und davon haben weder die Menschen im betroffenen Land etwas - noch im Rest der Welt.

Zur SZ-Startseite

SZ Plus"Nuklearer Winter"
:Was der Welt bei einem Atomkrieg droht

Vereiste Meere, Hungersnöte, kollabierte Nahrungsketten: Eine neue Simulation beschreibt die Auswirkungen eines nuklearen Konflikts. Selbst ein begrenzter Einsatz von Kernwaffen hätte gravierende Folgen für die ganze Erde.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB