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Sprache im Migrationsdiskurs:"Ansturm der Armen" - entmenschlichende Metaphern

Das zeigt, wie schwierig es ist, die polyphonen, dichten Zeichen der Sprache genau einem Sinn zuzuordnen. "Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andre denkt", schrieb bereits Wilhelm von Humboldt, "und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen."

Metaphern

Oftmals verwenden wir sprachliche Bilder, ohne uns deren metaphorischen Charakters bewusst zu sein. Das Wort Asylant wird während der Asyldebatte beispielsweise oft zusammen mit Sprachbildern verwendet, die mit Chaos und Bedrohung assoziiert werden. Oft sind es Metaphern, die mit Wasser zu tun haben: Flut, Strom, Welle. Die "Asylantenflut" muss "eingedämmt" werden. "Das Boot ist voll."

Auch Militärmetaphorik wird immer wieder verwendet ("Ansturm der Armen", "Abwehr illegaler Einwanderer", "Lage an den Ostgrenzen verschärft", "Einfallsroute") oder Warenmetaphorik ("Import" und "Export" von Arbeitskräften).

Das hat eine schwerwiegende, enthumanisierende Wirkung: "Unser Denken ist vielfach metaphorisch geprägt. Sprache und Denken sind unauflösbar miteinander verbunden", sagt Wissenschaftler Wengeler.

Diskussion um Sprachkritik

Die Debatte um Worte sei eine Scheindebatte, erklären Gegner der politischen Korrektheit. Unnötig verkompliziert würde die deutsche Sprache. An der gesellschaftlichen Realität der Betroffenen würden auch andere Begriffe nichts ändern. Ob es nun Asylbewerber hieße, Asylant oder Flüchtling: Sind das nicht Wortklaubereien?

"Wenn man sprachlich respektvoll und höflich sein will, muss man manchmal etwas mehr Aufwand betreiben", glaubt Wengeler. Er plädiert dafür, auf die Gruppen, die von abwertendem Sprachgebrauch betroffen sind, Rücksicht zu nehmen. "Das ist nicht zu viel verlangt, darüber nachzudenken und sprachsensibel zu handeln."

Und wenn man Menschengruppen sprachlich abwertet, erscheint es dann nicht auch legitimer und einfacher, gewalttätig gegen diese vorzugehen? In der Asyldebatte wurde immer wieder darüber diskutiert, inwieweit Sprache auch die rassistischen Übergriffe der damaligen Zeit befeuert hat, zum Beispiel 1992 in Rostock-Lichtenhagen.

Aktuelle Unwörter

Und heute? Welche Begriffe werden heute zur Ausgrenzung genutzt? Wengeler kennt einige Beispiele: Armutsflüchtlinge, Armutszuwanderung oder Sozialtourismus. "Diese Begriffe werden genutzt, um den Menschen legitime Fluchtgründe abzusprechen", sagt der Wissenschaftler.

Dabei sei Armutsflüchtling in den 80er Jahren noch als Gegenbegriff zu Wirtschaftsflüchtling und Scheinasylant genutzt worden. Damals hieß es, man sollte Armutsflüchtling sagen, weil man an dem Wort sehen könne, dass die Menschen legitime Gründe haben, zu fliehen. Nämlich Armut. "Heute heißt es im Subtext: Wenn sie aus Armut fliehen, dann wollen sie an unserem Reichtum teilhaben und unsere Sozialsysteme ausnutzen."

Wann welcher Begriff semantisch Konjunktur hatte, daran lassen sich Vorurteile ablesen. Dem Türkenproblem in den 1980ern folgte das Asylantenproblem Anfang der 1990er und seit Mitte der 1990er Jahre ist vom Flüchtlingsproblem die Rede. Der Wandel des Vokabulars spiegelt dabei auch Einstellungen wider, die innerhalb der Gesellschaft existieren.

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Wörter können auch als Symbole mit Integrationskraft wirken. Spannend ist zum Beispiel die Diskussion über die gerade entstehende deutsche Migrationsgesellschaft. Wie nennen wir sie zukünftig? Melting Pot, Vielvölkerstaat, Einwanderungsland?

© SZ.de/mcs
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