SPD-Parteitag:Tiefes Misstrauen gegen die Führung

Und hinter Dreyer? Kam bei den Wahlergebnissen der Stellvertreter erst mal länger nichts. Dann folgte mit 86 Prozent, also einem noch ordentlichen Ergebnis, Manuela Schwesig. Anders als Dreyer, dürfte sich die Regierungschefin von Mecklenburg-Vorpommern auf mittlere Sicht allerdings nicht mit der Rolle als Ministerpräsidentin zufriedengeben. Sie gilt als Kandidatin für die Zeit nach Schulz. Ihr Ergebnis zeigt, dass es ihr an Rückhalt unter den Delegierten schon mal nicht mangelt.

Ansonsten kam in den Wahlergebnissen etwas zum Ausdruck, was schon in der Debatte über eine mögliche Regierungsbeteiligung deutlich geworden war: ein tiefes Misstrauen gegen die Führung. Viele Genossen sind offenbar überzeugt, dass die Parteispitze zwar "ergebnisoffene" Gespräche mit der Union proklamiert, in Wahrheit aber längst auf die große Koalition zielt und überhaupt ihr eigenes Spiel spielt.

Nur so sind Ergebnisse wie die von Natascha Kohnen und Thorsten Schäfer-Gümbel zu erklären. Beide haben 2018 als Spitzenkandidaten Landtagswahlen zu bestehen, Kohnen in Bayern, Schäfer-Gümbel in Hessen. Üblicherweise stattet die Partei ihre Wahlkämpfer mit guten Ergebnissen aus. Doch Kohnen kam bei ihrer Wahl zur Stellvertreterin nicht über 80,1 Prozent hinaus, während Schäfer-Gümbel bei seiner Wiederwahl 78,3 Prozent erhielt. Ähnlich lief es am Freitag bei der Wahl von Lars Klingbeil zum Generalsekretär: Er kam auf nur 70,6 Prozent. Ihm dürften aber auch diverse Frauen die Stimme verweigert haben, die auf eine weibliche Generalsekretärin gehofft hatten.

Sigmar Gabriel hält sich wohlweislich zurück

Und dann sind da noch zwei Figuren, die beim Parteitag gar nicht zur Wahl standen. Zum einen ist da Andrea Nahles, Chefin der SPD-Bundestagsfraktion. In der Debatte zur Regierungsbildung zeigte sie mit einer kurzen Rede, dass sie im Auftritt besser geworden ist - auch wenn sie mit dem Ausruf "Bätschi" der Union verbal die Zunge herausstreckte und damit einmal mehr einen Hang zum Infantilen zeigte. Ihre Position ist trotzdem stärker denn je, sie dürfte in den nächsten Wochen eine entscheidende Rolle spielen.

Zum anderen ist da Sigmar Gabriel. Als er im Januar die Führung an Martin Schulz abgab und ins Außenministerium wechselte, da hieß es in der Partei, seine Zeit sei nach der Wahl endgültig vorbei. Doch seit über eine neue große Koalition diskutiert wird, ist Gabriel wieder im Spiel. Aus der Debatte am Donnerstag hielt er sich wohlweislich heraus. Der Ex-Parteichef weiß: Je weniger er öffentlich sagt, desto besser seine Chancen, auch im nächsten Kabinett zu sitzen.

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