Spanien:Land im Los-Taumel

Spanien: Kinder von der San-Ildefonso-Schule singen traditionell die Gewinnnummern vor: Bild von der Verlosung im vergangenen Jahr.

Kinder von der San-Ildefonso-Schule singen traditionell die Gewinnnummern vor: Bild von der Verlosung im vergangenen Jahr.

(Foto: Ruben Ariza/IMAGO/alterphotos)

Bei der spanischen Weihnachtslotterie "El Gordo" wird in diesem Jahr eine Rekordsumme ausgeschüttet - und die Wahrsagerei treibt neue Blüten.

Von Patrick Illinger, Madrid

Ein gut gekleideter Herr streift im Madrider Bahnhof Chamartín durch den Wartesaal. "Die Zweiundzwanzig", ruft er, "braucht jemand die Zweiundzwanzig?" Das sind die Endziffern eines Loses, das er anbietet: Ein Los der spanischen Weihnachtslotterie. Gut möglich, dass er Abnehmer findet, die noch dringend die Zweiundzwanzig suchen, vielleicht wegen eines Geburtstags oder einfach nur, weil in diesem Jahr die Gewinnzahlen am 22. Dezember gezogen werden.

Sicherer ist es jedoch, ein Los für die Lotería Nacional de Navidad, der weltweit wohl berühmtesten Lotterieziehung, bei einer der mehr als 10 000 staatlichen Verkaufsstellen zu beschaffen. Fast 2,6 Milliarden Euro beträgt in diesem Jahr die Gewinnsumme, die an diverse Losnummern ausbezahlt wird.

Der Hauptgewinn, El Gordo, "der Dicke", ist die kaum vorstellbare Summe von 740 Millionen Euro schwer. Doch anders als bei einschlägigen Jackpot-Lotterien bringt die Weihnachtsziehung kaum Multimillionäre hervor, sondern viele Gewinner. Das liegt daran, dass von jeder der fünfstelligen Losnummern 1850 Anteile in den Handel gebracht werden, sogenannte décimos, "Zehntellose" zu je 20 Euro. Auf jeden siegreichen décimo entfallen 400 000 Euro. Will man Millionär werden, muss man mehrere décimos oder gleich eine ganze Serie aufkaufen.

Die Wahrscheinlichkeit für einen Hauptgewinn liegt dadurch höher als bei der in Deutschland üblichen Variante 6 aus 49 - nämlich bei eins zu hunderttausend. Und während die Finanzminister der Bundesländer rund die Hälfte des Spieleinsatzes einbehalten, fließen in Spanien 70 Prozent des Umsatzes an die Gewinner. Allerdings wird, anders als in Deutschland, ab 40 000 Euro ein Fünftel des Gewinns als Steuer einbehalten.

Dass sich Hunderte Gewinner gemeinsam freuen dürfen, führt mitunter zu skurrilen Begebenheiten. Manchmal kaufen Firmenbelegschaften oder ganze Dörfer décimos der gleichen Serie. Im Jahr 2017 gewannen Bewohner der galicischen Stadt Vilalba zusammen mehr als 540 Millionen Euro. Mehr als hundert siegreiche Lose hielt alleine das Personal der örtlichen Schule in Händen.

Angebliche Glückszahlen sind schnell vergriffen

Wie also wird die Glückszahl in diesem Jahr lauten? Darüber spekulieren Spanierinnen und Spanier seit Wochen. Und diesmal versuchen sich nicht nur Tiktoker und Instagrammer als Propheten. Auch Chat-GPT, man ahnt es, wurde befragt, und kam angeblich nach Analyse der mehr als 210-jährigen Geschichte der Weihnachtsziehungen zu dem Ergebnis: 03695 sei das wahrscheinlichste Sieger-Los. Selbstredend waren alle décimos dieser Nummer in kürzester Zeit ausverkauft.

Auch Endziffern mit gängigen Glückszahlen wie 13 und 25 sind im ganzen Land nicht mehr erhältlich. Einen Run auf die 11448 hat Georgina Rodríguez ausgelöst, eine bekannte Influencerin und die Partnerin des Fußballers Cristiano Ronaldo, nachdem sie sich im Urlaub mit ihrem décimo hatte ablichten lassen.

Entscheiden über El Gordo wird, kurz bevor El niño, das Christkind, gefeiert wird, eine kleine Holzkugel. Sie wird im Rahmen einer stundenlangen, im TV übertragenen Zeremonie auf der Bühne des Madrider Opernhauses gezogen. Der Tradition gehorchend, singen dort Kinder der Madrider San-Ildefonso-Schule die Gewinnzahlen und Siegprämien vor.

In einer früheren Version hieß es, die Jungs der Schule würden die Gewinnzahlen vorsingen. Tatsächlich singen Jungs und Mädchen.

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