Laubbläser:"Hier schreit niemand: Hurra, wir machen ein paar Käfer kaputt!"

Laubbläser: Laut, lauter, Laubbläser.

Laut, lauter, Laubbläser.

(Foto: imago images/Shotshop)

Jeder hört sie, fast jeder hasst sie: Warum können Laubbläser nicht einfach verschwinden? Antworten von einem, der es wissen muss: Patrick Bernard, seit 41 Jahren Gärtner in Heilbronn, Deutschlands Ort mit den meisten Stadtbäumen.

Interview von Marcel Laskus

SZ: Herr Bernard, im Internet gehen manche so weit, von einem "Verbrechen an der Menschlichkeit" zu reden, wenn sie vom benzinbetriebenen Laubbläser sprechen. Im Land der Freiheit, den USA, sind sie schon in einigen Orten verboten. Wäre das auch denkbar für Heilbronn, die Stadt mit der höchsten Stadtbaumdichte in Deutschland?

Patrick Bernard: Na ja. 5800 Tonnen Laub bringen wir im Jahr weg. Das mit der Hand zu machen, ist nicht möglich. Dafür bräuchten wir doppelt so lange und doppelt so viel Personal. Und es würde nicht so sauber werden. Diese Arbeit ist kein Vergnügen.

Und nicht nur das. Es gibt etliche Argumente, die dagegen sprechen. Die heiße Luft des Laubbläsers beseitigt nicht nur Blätter, sondern tötet auch Spinnen, Käfer, Asseln, Tausendfüßer, Eidechsen.

Eidechsen sind längst im Winterschlaf, und den halten sie nicht auf Laubhaufen, die brauchen Schotterfelder und trockene Ritze. Der Großteil der Insekten hat sich zurückgezogen.

Laubbläser: Patrick Bernard, 56, seit 1982 Mitarbeiter der Stadt Heilbronn, mittlerweile Vorarbeiter und im Herbst nahezu täglich mit dem Laubbläser im Einsatz.

Patrick Bernard, 56, seit 1982 Mitarbeiter der Stadt Heilbronn, mittlerweile Vorarbeiter und im Herbst nahezu täglich mit dem Laubbläser im Einsatz.

(Foto: Privat)

Tierschützer sehen das sicher etwas anders. Der ein oder andere Käfer würde auf die Wucht eines Laubbläsers vielleicht lieber verzichten?

Ja, das kann schon sein.

Wie kommen Igel mit Ihrer Arbeit klar?

Erst vor drei Wochen haben wir einen Igel entdeckt im Gestrüpp. Da haben wir ihm ein Igel-Zelt gebaut, mit Laub und Ästen, etwas erhöht, sodass kein Hund an ihn herankommt und er geschützt ist. Das machen wir schon immer so. Da hat über Tierschutz noch niemand geredet.

Vielleicht kennen Sie diese Studie der Technischen Universität Graz, laut der ...

Ich bin Gärtner. Nein, kenne ich nicht.

Bei dieser Studie jedenfalls fanden Forscher heraus, dass beim Einsatz eines Laubbläsers auf Wegen oder Straßen sechs- bis zehnmal so viel Feinstaub aufgewirbelt wird wie beim Einsatz eines Besens.

Ein Besen? Wie soll das denn gehen? Da haben manche vielleicht einen etwas verträumten Eindruck von einem Gärtner als Mann mit grüner Schürze und Strohhut, der mal hier was wegfegt und mal da was wegfegt. Das ist Blödsinn. Wir müssen uns optimieren. Die Flächen mit dem Besen zu kehren - so viele Leute gibt es gar nicht, um das zu schaffen. Das sind Kosten! Dafür braucht man Maschinen. Einen kilometerlangen Radweg mit Besen zu kehren, das möchte ich mal sehen.

Und dann wäre da der Lärm. 100 Dezibel hat so ein Teil und ist damit lauter als ein Presslufthammer oder Schwertransporter. Ab 85 Dezibel kann man Hörschäden bekommen. Wird es Ihnen nicht auch mal zu viel?

Das ist harte Arbeit, eine Dauerbelastung. Nur mit einem Arm den schweren Laubbläser zu halten, in ein und derselben Körperhaltung, das ist nicht gesund. Das Ding vibriert heftig, es ist ein Knochenjob. Hier schreit niemand: "Hurra, wir machen ein paar Käfer kaputt!" Wir haben auch ein paar Leute, die können das nicht machen, weil es so anstrengend ist.

Auf der Liste der Argumente gegen Laubbläser stehen leider noch mehr Punkte. Da wären zum Beispiel noch die Nährstoffe, die dem Boden dadurch radikal entzogen werden, wie es heißt.

Das ist ein guter Punkt. Aber es ist auch so: Der kleinste Anteil der Flächen, die wir säubern, ist nackter Boden. Das meiste sind asphaltierte Straßen und Gehwege. Außerdem entfernen wir nicht jedes Laub. Sind Sträucher in der Nähe, blasen wir das Laub in sie hinein, so gehen die Nährstoffe nicht verloren. In einem Park müssen wir das Laub aber wegblasen, sonst ist da nächstes Jahr kein Gras mehr da. Das verfault.

Dennoch ist die Front gegen den Einsatz von Laubbläsern breit, sie reicht von der SPD über die CSU bis zu den Grünen. Müssen Sie sich auf der Straße oft rechtfertigen?

Na klar. Die Leute sind generell genervter als früher. Es gibt sinnlose Diskussionen: "Warum blast ihr hier die Blätter zusammen? Im Wald macht ihr das doch auch nicht." Je nachdem, wie ich dann drauf bin, erkläre ich, warum unsere Arbeit nötig ist.

Gibt es wenigstens Momente, in denen es einfach tierisch Spaß macht, mit einem Luftdurchsatz von 730 Kubikmetern pro Stunde und einer Geschwindigkeit von 60 Metern pro Sekunde buntes Herbstlaub durch die Gegend zu wirbeln?

Ja, diese Momente gibt es. Wenn man in Ruhe in einem Park eine große Liegefläche von Laub befreit, das macht auch mal großen Spaß. Die Dinger haben schon Power. Weniger Spaß macht es, wenn überall Leute unterwegs sind, auf Fuß- und Radwegen, auf die man natürlich achten muss.

Glauben Sie daran, dass sich Laubbläser-Bedienende und Laubbläser-Geschädigte eines Tages versöhnen?

Vielleicht, wenn wir nur noch Elektrobläser verwenden, die leiser sind. Aktuell reicht die Kraft dieser Geräte vielleicht mal für eine Bushaltestelle. Für mehr aber nicht. Verfaultes Laub bekommt man damit nicht runter. Die Akkus halten dann nur ein, zwei Stunden. Aber die Technik wird besser. Ich denke, dass es eines Tages so weit ist.

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