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Sozialismus:Die neue Linke

Steht normalerweise weiter links: Jeremy Corbyn, hier nach seiner Wahl zum Labour-Vorsitzenden am 12. September 2015 in London

(Foto: AP)

Der neue Labour-Chef Jeremy Corbyn steht für den Wunsch nach Eindeutigkeit in der politischen Haltung - auch wenn sie nie mehrheitsfähig wird. Über ein Phänomen.

Von diesem Linksruck wird man noch lange reden. Die Mitglieder der britischen Labour Party bestimmten per Urwahl den Altlinken Jeremy Corbyn zu ihrem neuen Vorsitzenden. Der Sieg des noch vor Kurzem als Außenseiter gehandelten Politikers hat viel mit den Besonderheiten und Traditionen von Labour zu tun. Er hat auch insofern etwas Bizarres, als Labour mit dieser Entscheidung ziemlich sicher in eine krachende Niederlage bei den nächsten Wahlen zum Unterhaus laufen wird.

Viel wichtiger ist jedoch, dass Corbyn seinen Sieg am Samstag vor allem jungen Leuten verdankt, die zu Tausenden in die Partei geströmt sind. Das macht die Kampagne um den Labour-Vorsitz zu einem Ereignis, dessen Bedeutung über Großbritannien hinausreicht.

Corbyn will Geld drucken lassen, um davon Wohnungen zu bauen

Nur 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges ist Sozialismus wieder schick geworden. Eine der großen sozialdemokratischen Parteien Westeuropas entscheidet sich für einen Mann, der genau das verkörpert, was man in Großbritannien die "harte" Linke nennt: Corbyn ist für Verstaatlichungen, gegen die Nato, gegen Sparmaßnahmen und für den unbegrenzten Ausbau des Sozialstaats. Zu Europa ist sein Verhältnis ambivalent. Er will das Vereinigte Königreich in der EU lassen, fordert aber ein "besseres Europa". Wie er sich bei dem anstehenden Referendum über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens verhalten wird, lässt er offen.

Besonders bezeichnend ist aus Corbyns Programm die Rubrik "People's Quantitative Easing". Praktisch bedeutet es, dass die Bank von England Geld drucken soll, um Wohnungen, Eisenbahnen und Straßen zu bauen. Dieses Inflationsprogramm ähnelt auffallend Plänen des gescheiterten griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, an der EZB vorbei an frisches Geld zu kommen. In Argentinien und Venezuela kann man beobachten, wohin so eine Politik führt.

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