Soziale Medien:"Über eine Linie gedrückt"

Carlo Rasmus Schwarz
Assistant Professor
Bocconi University, Italy

Carlo Schwarz, 30, ist Assistant Professor an der Bocconi-Universität in Mailand. Er ist Co-Autor einer viel beachtete Studie.

(Foto: Paolo Tonato/Paolo Tonato)

Wann werden wütende Worte zu Taten? Der Ökonom Carlo Schwarz hat in einer Studie untersucht, wie Übergriffe auf Geflüchtete mit dem Besuch rechter Gruppen im Internet zusammenhängen.

Von Sophia Baumann

SZ: Herr Schwarz, Ihre Studie sieht einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von sozialen Medien und Hasskriminalität. Kann man sich das wirklich so einfach vorstellen: Man liest Hass-Posts auf Facebook und wird dadurch gewaltbereit?

Carlo Schwarz: Nur weil man auf eine rechte Seite geht und Kommentare gegen Geflüchtete liest, wird man natürlich nicht radikalisiert und verübt Übergriffe. Wir vermuten, dass das Leute sind, die schon vorher kritisch gegenüber Geflüchteten waren und deshalb in diesen rechten Facebook-Gruppen unterwegs sind. Durch den permanenten Austausch mit Gleichgesinnten werden diese Menschen irgendwann über eine Linie gedrückt. Dann sind sie tatsächlich bereit, Angriffe auf Flüchtlingsheime oder Geflüchtete zu verüben.

Konkret haben Sie untersucht, wie Übergriffe auf Geflüchtete in Deutschland mit der regionalen Nutzung der Facebook-Gruppe der AfD zusammenhängen. Was wollten Sie dadurch herausfinden?

Die Idee dahinter ist relativ einfach: Wenn die Stimmung auf Facebook eine Rolle spielt, müssten mehr Übergriffe in Gemeinden stattfinden, in denen es viele Nutzer dieser rechten Gruppen gibt.

Und das ist laut Ihrer Studie der Fall. Gibt es konkrete Beispiele, bei denen man sicher sagen kann, dass Hass im Internet zum Übergriff geführt hat?

Ich kenne keine Studie, die diesen Zusammenhang zweifelsfrei feststellen könnte. Dafür müsste man ein Experiment laufen lassen: Manche Leute fangen an, diese Seiten zu lesen. Andere Leute schauen sie nicht an. Und dann wartet man ab, was passiert. Das ist aus ethischen Gründen natürlich nicht möglich.

Aber wie kann man sich dann sicher sein, dass die Übergriffe auf Geflüchtete wirklich mit der Facebook-Nutzung zusammenhängen?

Wir machen uns in der Studie zunutze, dass es immer wieder zu Internetausfällen kommt, sodass manche Nutzer keinen Zugang zu Facebook mehr haben. Während der Laufzeit unserer Studie gab es 313 solcher Ausfälle. Und wenn es an einem Ort kein Internet gibt, sieht man: Genau in der Woche des Ausfalls ist die Anzahl der Angriffe signifikant geringer. Wären die Übergriffe von der allgemeinen Stimmung in der Gesellschaft getrieben, also unabhängig von den sozialen Medien, hätte ein Internetausfall keine Wirkung.

Müssten Plattformen wie Facebook dann nicht viel mehr gegen den Hass auf ihren Kanälen tun?

Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Soziale Medien sollen einfach alle Hasskommentare löschen. Diese Kommentare zu identifizieren, ist nicht einfach - selbst mit neuesten Methoden. Und was "Hate Speech" ist, ist auch nicht klar definiert. Das ist eine Debatte, die man als Gesellschaft führen muss. Nicht Mark Zuckerberg sollte entscheiden, was man in den sozialen Medien sagen darf.

In Deutschland gibt es ja seit einiger Zeit ein Gesetz, das Hasskriminalität im Internet bekämpfen soll: Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz NetzDG, verpflichtet große Plattform-Betreiber, offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang einer Beschwerde zu löschen. Ist das eine Lösung?

Na ja, das NetzDG war ein erster Versuch, irgendeine gesetzliche Grundlage für Regulierung zu schaffen. Bin ich ein großer Freund vom NetzDG? Auch nicht. Weil da die Anreize so gesetzt sind, dass Facebook eher zu viele Kommentare löscht. Wenn Facebook morgen entscheiden würde, einfach alle Kommentare zu entfernen, die Nutzer als "möglicherweise fragwürdig" markiert haben, wäre das Gesetz komplett erfüllt. Ich glaube nicht, dass es eine perfekte Lösung geben wird. Stattdessen wird es in der Gesellschaft einen Kompromiss geben: Das sind Sachen, die wir entfernen wollen - und das sind Sachen, die sollen dableiben. Trotzdem wird es immer Fehlentscheidungen geben.

Ist es nicht ein bisschen spät für einen solchen Kompromiss?

Selbst beim Auto hat es mehrere Jahrzehnte gedauert, bis mal jemand gesagt hat: Ein Sicherheitsgurt wäre vielleicht eine gute Idee.

© SZ
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