Sexismus beim US-Militär "Sie versuchen, dich zum Zusammenbruch zu bringen"

Simone Askew war die erste schwarze Frau im Rang des "First Captain" an der US-Militärakademie West Point. (Archivbild aus dem Jahr 2017)

(Foto: AP)

Simone Askew war die erste schwarze Frau im Rang des "First Captain" an der Militärakademie West Point. Sie bewunderte die militärische Disziplin - und fand ein System vor, das toxische Männlichkeit zum Ideal erhoben hat.

Interview von Johanna Bruckner, New York

Als Simone Askew die renommierte US-Militärakademie West Point 2018 verlässt, ist sie "First Captain" und damit Befehlshaberin über 4400 Kadetten. Ihre neue Welt hat mit der alten, hierarchiebestimmten nicht mehr viel gemeinsam. Heute macht die 22-Jährige in Oxford ihren Master in "Refugee and Forced Migration Studies". Akademische Freiheit statt militärischer Disziplin - das sei anfangs gewöhnungsbedürftig gewesen, erzählte sie bei einer Veranstaltung Ende März in New York. Auch dass es plötzlich keine Denkverbote mehr gab. Während es in West Point darum ging, bedingungslos hinter dem System zu stehen, belegt Askew nun Seminare, in denen sie die Militäreinsätze der USA kritisch hinterfragen soll. Ein Gespräch über die Faszination Militär, Frauen in Uniform und eine Umgebung, in der Männlichkeit über Karrierechancen entscheidet.

SZ.de: Miss Askew, bei "Militärakademie" denke ich sofort an amerikanische Filme, in denen ungebärdige Teenager dorthin geschickt werden - als letztes disziplinarisches Mittel. Was verbinden Sie mit dem Wort?

Simone Askew: Als ich etwa fünf war, hat mich meine Familie zu einem Footballspiel mitgenommen: Heer gegen Marine. Zwischen den Militärakademien in den USA gibt es ausgeprägte Sportrivalitäten, insbesondere zwischen der United States Military Academy, also West Point, und der United States Naval Academy. Jedes Jahr Anfang Dezember gibt es ein Footballspiel zwischen den beiden Institutionen - ein Riesenspektakel. Jede Schule lässt ihre Studenten auf dem Feld aufmarschieren, es geht um eine Zurschaustellung von Solidarität, Ordnung und Disziplin. Die beiden Akademien wetteifern darum, wer besser auftritt - und West Point gewinnt jedes Mal. Als Kind dachte ich: Wie cool und bewundernswert ist es, dass diese Studenten so akkurat gekleidet sind und so makellos aussehen?

Ihre Familie hat starke Verbindungen zum Militär?

Mein Großvater war in der Army und hat im Vietnamkrieg gedient. Aber wegen seiner Erlebnisse dort hat er nie mit mir darüber gesprochen. Mein Stiefvater war bei der Air Force, bevor er meine Mutter geheiratet hat. Aber ich denke, mein eigenes Interesse hatte mehr damit zu tun, dass ich in einer Gegend mit einer starken militärischen Kultur aufgewachsen bin. Ich stamme aus Fairfax, Maryland: Die Naval Academy und West Point sind ganz in der Nähe und auch Washington D.C. mit dem Pentagon ist nicht weit weg. In dieser Region sind die Menschen ausgesprochen stolz auf das Militär. Viele Leute kennen jemanden, der dient oder mal gedient hat.

Warum haben Sie West Point den Vorzug vor anderen Colleges und Universitäten gegeben?

Ich würde sagen, das Bild, das Amerikaner von Militärakademien haben, unterscheidet sich sehr stark von jenem, das Sie beschrieben haben. Militärakademien werden verehrt für ihre Prestigeträchtigkeit. Und auch für das Kaliber an Studenten, das sie anziehen - es ist nicht leicht, dort angenommen zu werden. Man muss nicht nur gute Noten vorweisen und seine körperliche Fitness in einem Sporttest unter Beweis stellen: Man braucht auch eine Nominierung von einem Abgeordneten aus dem eigenen Bundesstaat oder Bezirk. Es ist also definitiv nicht der letzte Ausweg. Ich habe mich von der Härte und Strenge von Militärakademien angezogen gefühlt, seit ich ein kleines Kind bin: Sie fordern Studenten nicht nur akademisch heraus, sondern auch physisch - und sie sind auch ein Charaktertest. Dass ich mich in West Point beworben habe, war am Ende aber auch eine finanzielle Erwägung.

Militärakademie West Point

George Washington erklärte West Point, etwa 90 Kilometer nördlich von New York City gelegen, im Unabhängigkeitskrieg mit Großbritannien zum strategisch wichtigsten Punkt Amerikas. Aus dem Wunsch heraus, nicht länger von ausländischen Ingenieuren und Artillerie-Spezialisten abhängig zu sein, entstand später die Idee eines Ortes, der der Kunst und Wissenschaft der Kriegsführung gewidmet sein sollte. 1802 bereitete der damalige Präsident Thomas Jefferson mit einem Gesetz den Weg zur Gründung der United States Military Academy. Heute beginnen jedes Jahr etwa 1200 neue Kadetten ihre in der Regel vierjährige Ausbildung in West Point. Bewerber dürfen nicht jünger als 17 und nicht älter als 22 Jahre alt sein. Die Studentenschaft ist überwiegend weiß (63 Prozent) und männlich (80 Prozent). Als Simone Askew 2017 als erste Afroamerikanerin zum "First Captain" und damit zur Befehlshaberin über das Kadetten-Korps ernannt wurde, machte das USA-weit Schlagzeilen. Das Magazin Glamour wählte sie unter die Top Ten der "College Women of the Year". Am vergangenen Wochenende feierte die "Class of 2019" ihren Abschluss: Von 1270 Absolventen waren 34 schwarze Frauen wie Simone Askew. Auch darüber berichtete die Presse - es war ein neuer Rekord.

Inwiefern?

Meine Eltern waren damals nicht arm, aber sie hatten definitiv nicht die finanziellen Mittel, um mich auf ein College oder eine Uni zu schicken, die 70 000 Dollar im Jahr kostet. Und wenn man sich die Kosten für Ivy-League-Institutionen anguckt, die qualitativ vergleichbar sind, ist das in etwa die Summe, mit der man rechnen muss. Mir war es wichtig, eine sehr gute Ausbildung zu bekommen, aber ich wollte mir nach meinem Abschluss nicht konstant Sorgen wegen meiner Schulden machen müssen. Militärakademien sind kostenlos - aber man bezahlt auf andere Weise. Nach seinem Abschluss ist man mindestens fünf Jahre aktiven Dienst schuldig. Man bezahlt also kein Geld, aber es ist trotzdem ein Tauschgeschäft.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Tag auf dem Campus?

Oh ja, "Reception Day". Bevor man sein erstes Jahr in West Point beginnt, absolviert man das sogenannte "Basistraining für Kadetten". Es soll einen mit der militärischen Kultur und Organisationsstruktur vertraut machen, aber auch sicherstellen, dass man körperlich und mental vorbereitet ist. Sie versuchen, einen in eine Situation mit einem hohen Stresslevel zu bringen, in der man sich überfordert und unter Druck gesetzt fühlt von den dauernden Anweisungen, die einem entgegengebrüllt werden. Man wird erst hierhin geschickt, um dies zu tun, und dann dorthin geschickt, um das zu tun. Es kann einen definitv nervös machen, wenn man es nicht gewohnt ist. Ich habe in der Highschool viel Sport gemacht - Basketball, Volleyball, Leichtathletik - und hatte Trainer, die uns bei jeder Gelegenheit angeschrien und grenzwertige Kommentare abgegeben haben. Als das Gleiche am ersten Tag in West Point passiert ist, war es für mich also nicht neu. Tatsächlich gibt es dieses Foto von mir, aufgenommen am "Reception Day", auf dem ich einen Rucksack über der Schulter trage und dieses breite Lachen im Gesicht habe.

Das klingt, als würde West Point versuchen, neue Studenten zu brechen?

Sie versuchen, dich zum Zusammenbruch zu bringen - aber nicht im wörtlichen Sinne. Sie wollen einem klarmachen: Egal, welchen Menschen und Ideologien du dich bisher verpflichtet gefühlt hast - von jetzt an sollte das, was West Point dir beibringt, deine erste Verpflichtung und höchste Ideologie sein.