Alkoholkonsum in Schweden:Skål auf Rädern

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Jul 20 2007 Stockholm SWEDEN Sweden should not be allowed to have higher tax on wine than on b

Ein Systembolaget in Stockholm.

(Foto: imago stock&people/imago/ZUMA Press)

In Schweden gibt es nur ein Unternehmen, das höherprozentigen Alkohol verkaufen darf. Zu leicht soll es den Bürgern eigentlich nicht gemacht werden, sich zu betrinken. Doch jetzt bietet die Firma erstmals landesweit einen Lieferdienst an.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Für viele Touristen gehören sie zur Schwedenfolklore: die Läden, in denen man sich seinen Wein oder seinen Aquavit besorgt, ja: besorgen muss. In Schweden darf nur der Staat Spirituosen mit einem Alkoholgehalt von mehr als 3,5 Prozent verkaufen. Die Schweden nennen die Monopolläden schlicht "das System" (systemet) oder "die Firma" (bolaget), was weder als Mafiaanspielung noch als bittere Verwünschung des Schweinesystems gemeint ist, es sind durchaus von Respekt getragene Abkürzungen des offiziellen Namens "Systembolaget": Die Systemfirma.

Tatsächlich belegte Systembolaget im alljährlichen Vertrauensbarometer der gemeinnützigen schwedischen Medienakademie in den letzten Jahren meist Platz 1, noch vor Polizei, Reichsbank und Ikea. Keiner Institution also vertrauen die Schweden mehr als dieser, allein im Covid-Jahr 2021 musste sich Systembolaget vom Gesundheitswesen überholen lassen.

Bier gibt es nur warm

Das hohe Vertrauen geht auch auf die Tatsache zurück, dass Systembolaget nicht profitorientiert arbeitet. Die Firma löste 1955 ein System der Alkoholrationierung ab, und der Staat gab der Firma mit auf dem Weg, sie solle zu einer Gesellschaft beitragen, "in der alkoholische Getränke mit Rücksicht auf die Gesundheit genossen werden". Die Firma hat sich einen Verhaltenskodex gegeben und wirft auch schon mal belarussischen Sekt aus dem Programm, wenn sie "Demokratie und Menschenrechte" in Gefahr sieht. Die Läden verkaufen erst an Leute ab 20 Jahren, es gibt dort keine Rabatte und Sonderangebote. Jeder darf kaufen so viel er möchte, aber die Kunden sollen ausdrücklich nicht zu Spontankäufen verführt werden, weshalb man dort auch nie gekühltes Bier finden wird.

Naturgemäß beobachten die Schweden jeden Schritt dieser Institution in Neuland mit großer Aufmerksamkeit. Das ist auch jetzt wieder so, wo die Firma eigenen Worten zufolge einen "Meilenstein" erreicht: Von Montag dieser Woche an bietet Systembolaget nach Pilotprojekten in einigen Regionen erstmals landesweit einen Heimlieferdienst an. Billig ist es nicht, die Päckchen werden auch vier bis sechs Tage unterwegs sein. Dennoch ein großer Schritt für ein Unternehmen, das den Schweden den Alkoholkauf nie allzu leicht machen wollte.

Der Alkoholkonsum sinkt stetig

Der Lieferdienst kommt zu einer Zeit, da das Land ohnehin eine Debatte über eine mögliche Lockerung der Alkoholpolitik führt. Die Zeiten, da die Schweden sich das "betrunkenste Volk Europas" nennen lassen mussten, sind längst vorbei. Der Alkoholkonsum sinkt stetig, heute konsumiert ein Schwede im Durchschnitt 8,7 Liter reinen Alkohols im Jahr - zwei Liter weniger als der Deutsche und Welten entfernt von den 46 Litern, die es wohl Anfang des 19. Jahrhunderts waren. Damals berichteten erstaunte Schwedenreisende von Zehnjährigen, die angeblich ganze Gläser Branntwein hinabstürzten.

Die Abschaffung der Systembolaget ist noch kein Thema. Aber die Konservativen forderten etwa auf ihrem Parteitag letzte Woche, endlich Lokalen den Alkoholausschank zu erlauben, ohne sie gleichzeitig zu verpflichten, dazu auch Speisen zu servieren. Die große Tageszeitung Dagens Nyheter unterstützte den Vorschlag. Titel ihres Leitartikels: "Die Vormundschaft über den Alkoholkonsum muss enden".

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