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Schulen und Corona:"Immer nur klagen bringt uns nicht weiter"

"Distanzunterricht ist und bleibt eine Notlösung. Aber dies ist eine Ausnahmesituation": Sebastian Schmidt, 38, unterrichtet in Neu-Ulm-Pfuhl Mathematik, Informationstechnologie und katholische Religion. Der Vater von drei Kindern will den Unterricht mit digitalen Mitteln attraktiver machen.

(Foto: Felix Amsel)

Warum der bayerische Realschullehrer Sebastian Schmidt das Jammern über den Distanzunterricht satt hat - und wie Kinder beim Fernlernen gewinnen können.

Interview von Susanne Klein

Montagfrüh, zu Beginn dieser Woche, auf Youtube. Der schwäbische Realschullehrer Sebastian Schmidt begrüßt Schülerinnen und Schüler nach den Weihnachtsferien. In einem kurzen Video stellt der 38-jährige Experte für digitale Lernmethoden die Frage, wie sie den Lockdown in Erinnerung behalten wollen: Als Zeit, die sie auf dem Sofa abgesessen haben - oder als Zeit, "in der ihr neue, spannende Sachen entdeckt habt"? Eine provokante Frage, sie schert aus dem krisenüblichen Diskurs aus. Denn in dem wird den Schulen meist die Bringpflicht und Schülern die Empfängerrolle zugeschrieben. Das gefällt Schmidt nicht. "Ich bin Lehrer und tue alles dafür, damit das Lernen in dieser Form gelingt", sagt er in die Kamera, und dann: "Ich hoffe, ihr auch."

SZ: Herr Schmidt, was sind das denn für neue, spannende Sachen, die Schüler im Distanzunterricht entdecken können?

Sebastian Schmidt: Damit meine ich vor allem die Erfahrung, dass sie in dieser Notsituation gemeinsam etwas bewerkstelligen können. Keiner muss zu Hause alleine sitzen, man kann seine Klassenkameraden anrufen oder im Internet treffen und Partner- oder Gruppenarbeit machen. Viele kommen in die Schule, weil sie Lust haben, mit anderen etwas zu machen. Und jetzt hocken sie daheim und sollen nur tun, was der Lehrer sagt? Das ist zu wenig.

Wie wird mehr daraus?

Indem ich statt Arbeitsblättern Szenarien anbiete. Hier ist eure Matheaufgabe, das ist euer Videokonferenz-Tool und in dieses Online-Dokument könnt ihr simultan hineinschreiben. Meinen Achtklässlern muss ich das nicht mehr groß erklären, sie kennen diese Methodenvielfalt schon. Sie tun sich zusammen, lösen die Aufgabe mithilfe von Buch, Suchmaschine, Youtube, und wenn wir Projektzeit haben, erklären sie ihren Mitschülern auch noch den Rechenweg mit einem Online-Plakat, Screencast oder Stop-Motion-Video. Sie gehen selbst in die Lehrerrolle.

Und wenn sie nicht klarkommen?

Erreichen Sie mich im Chat oder per Videocall, oder ich frage sowieso nach. Ohne Feedback geht es nicht.

Das klingt so, als wäre Fernlernen eine prima Sache. Beschönigen Sie?

Distanzunterricht ist und bleibt eine Notlösung, Schule kann nicht dauerhaft zu Hause stattfinden. Aber dies ist eine Ausnahmesituation, und mich stört, wie wir sie diskutieren. Wenn im Unterricht in der Pandemie irgendetwas nicht funktioniert, wird sofort ein Schuldiger gesucht. Der findet sich dann todsicher in der Lehrerschaft oder im Ministerium. Natürlich haben es die Schüler nicht leicht, manche haben es zu Hause sogar sehr schwer und brauchen alle Hilfe, die sie kriegen können.

Aber?

Aber wir brauchen sie auch im Boot. Immer nur beklagen, was gerade nicht zu leisten ist, weil dies oder das hakt, bringt uns nicht weiter. Was Kinder zu Hause alles hinbekommen können, zeigen mir die kreativen Lösungen, die meine Schüler abgeben, wenn ich ihnen etwas Partizipation abverlange. Durch eigene Kreativität und Teamarbeit kann Distanzunterricht sogar Spaß machen. Sagen jedenfalls meine Schüler.

Etlichen Schulen fehlen aber immer noch die technischen Basics. Und nicht jede Lehrkraft ist beim digitalen Unterrichten so willig und erfahren wie Sie.

Meine Mutter ist 65 und Grundschullehrerin auf dem Land. Sie hat am Montag ihre erste Videokonferenz mit ihrer Klasse gemacht, alle waren aufgeregt und froh, sich zu sehen. Ansonsten läuft der tägliche Betrieb eher altmodisch, über Telefon und eine Kiste, in der sie und die Schüler Materialien hinterlegen. Auch so kann Distanzunterricht gehen.

Im ersten Lockdown sind einige Lehrer regelrecht abgetaucht. Wie ist das jetzt?

Das stimmt leider, aber wie ich das einschätze, kann sich das jetzt niemand mehr erlauben. Wir sind jetzt weiter, mich ermutigt vor allem das große Interesse an Fortbildungen. Da hat sich in den letzten Monaten mehr bewegt als im ganzen Jahrzehnt davor. An den E-Sessions, die ich über die bayerische Stabsstelle anbiete, etwa zur digitalen Unterrichtsgestaltung, haben in den Weihnachtsferien jeweils 500 bis 900 Lehrkräfte teilgenommen. Früher waren es ein Dutzend.

Dafür gibt es nun andere Hindernisse. Bundesweit fallen wieder Lernportale aus, in Bayern streikte die Plattform Mebis vor Weihnachten so oft, dass es diesen Montag eine Nachricht wert war, dass sie funktionierte.

Mebis wurde nicht dafür konzipiert, dass sich alle Lehrer und Schüler um 7:45 Uhr einloggen. Das hat uns zeitweise frustriert, aber meine Schule arbeitet jetzt mit einem Mix aus Tools, darunter MS-Teams und die Plattform "Schulmanager", um Engpässe zu umgehen. Ideal ist das nicht, ein einziges Instrument wäre praktischer, aber so können wir immerhin das Fernlernen absichern.

Sie sagen, Distanzunterricht sei eine Notlösung. Was ist der größte Nachteil dabei?

Dass es viel schwerer ist, zu erspüren, wie es Schülern geht. Die Grenze des Distanzunterrichts liegt im Zwischenmenschlichen. Vernachlässigung, häuslichen Unfrieden oder anderen Kummer sehe ich Schülern am ehesten im direkten Kontakt an. Geht es dem jetzt schlecht, oder verweigert er sich bloß und braucht einen Anpfiff? Meine Medizin, auch für mich selbst, wenn ich unsicher bin, ist das Telefon. Ich rufe an und frage: Wie geht es dir? Einen Schüler habe ich 15 Mal anrufen müssen, bis er rangegangen ist. Aber ich habe ihn erreicht.

© SZ/rkl
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