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Italien:Der Mann, der Salvini ins Gespräch bringt

Luca Morisi speaks at a conference in Turin

Der Computer- und Kommunikationsexperte Luca Morisi filtert das Grundrauschen im Land.

(Foto: Alberto Cabodi/REUTERS)
  • Luca Morisi ist Kommunikationsberater von Italiens Innenminister Matteo Salvini - und gilt als extrem einflussreich.
  • In seinem "Bunker" kümmert sich Morisi um die Millionen Follower auf Facebook, Instagram und Twitter.
  • Er sorgt dafür, dass Italien ständig von Salvini spricht.

Nahe dem italienischen Innenministerium, mitten im alten Zentrum Roms, gibt es einen "Bunker". So nennt Luca Morisi sein Büro. Er verbringt darin einen schönen Teil seines Lebens; vor vier Bildschirmen, je einer für Facebook, Twitter und Instagram, über den vierten laufen Nachrichten. Wenn Morisi nicht dort ist, sitzt einer der jungen Kollegen vor den Monitoren. 17 Angestellte sind es, sieben in Vollzeit. Der "Bunker" ist 24 Stunden am Tag besetzt, auch am Wochenende. Es gibt kein öffentliches Foto des Büros. Überhaupt wissen die Italiener nur wenig davon. Aber sie bezahlen dafür: 314 000 Euro im Jahr, schrieb das Politikmagazin L'Espresso.

Luca Morisi, 46, Philosoph aus dem norditalienischen Mantova, ein schmaler Mann mit jungenhaftem Gesicht und nervösen Augen, ist "strategischer Kommunikationsberater" von Innenminister Matteo Salvini. So lautet die offizielle Jobbeschreibung. Morisi und sein Team stehen auf der Lohnliste des Ministeriums.

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Italienische Medien nennen ihn "Salvinis Lautsprecher", dessen "Guru" und "Spin Doctor". Oder: "Salvinis Gehirn". Selbst politische Gegner, die seinen Kommunikationsstil verwerflich finden, halten ihn für ein Genie. Er zeigt sich selten öffentlich, geht nie ans Telefon, gibt fast keine Interviews. L'Espresso nennt ihn "einen der einflussreichsten Männer Italiens".

Selbst politische Gegner, die seinen Stil verwerflich finden, halten ihn für ein Genie

Morisi sorgt dafür, dass Italien ständig nur von Salvini spricht, auf allen Kanälen, vor allem im Netz. Er analysiert Themen, die ziehen, "trending" sind, und nährt sie mit süffigen Zugaben aus Salvinis Repertoire. Man hört, Morisi habe einen Algorithmus entwickelt, der die Informationsflüsse sortiert und die mehrheitsfähigste Position aus den Kommentaren filtert, das Grundrauschen aus dem Volk, um es zu bedienen. Das geht einfach. Salvini zeichnet kein Bild der Zukunft, er hat keine Visionen. Er redet dem Volk nach dem Mund, das bringt Likes - und Stimmen. Morisi nennt seine Konsensmaschine "la bestia".

Im Schnitt pustet die Bestie jede Stunde einen neuen Post raus. Mal eine Provokation gegen Europa, gegen Emmanuel Macron, die "Gutmenschen" oder die Seenotretter im Mittelmeer. Dann immer wieder eine Polemik zur Immigration, aufgehängt an einer Meldung, in der ein Zugewanderter negativ aufgefallen ist. Das kann auch "Fake News" sein, entschuldigen würde man sich nie. Dazwischen schaltet Morisi Fotos vom Chef im privaten, fast intimen Rahmen: Salvini beim Pasta-Essen; Salvini in der Küche mit einer Flasche Nebbiolo; Salvini mit Tochter unterwegs zur Schule. Auch mal einen Kommentar zum Fußball. Salvini als Durchschnittsitaliener.

Am liebsten postet Morisi aber Videos, die der Minister selbst dreht - mit dem Handy. Wenn Salvini mal im Ministerium ist, was nicht oft passiert, geht er aufs Dach und filmt sich, mit den Kirchenkuppeln im Hintergrund, und erzählt von seinen Taten. Kürzlich kreiste eine fette Möwe über dem Ministerhaupt, das brachte ihn kurz aus der Fassung. Diese Videos sind populär bei den Fans, gerade weil sie amateurhaft sind. Was kann sich ein Populist eher wünschen, als volksnah rüberzukommen.

Die Frequenz der Posts ist dermaßen hoch, dass die Italiener den Eindruck gewinnen, der Vizepremier von der Lega sei überall gleichzeitig, körperlich, virtuell, ständig live und online. Morisi nennt die Methode "Spiegelspiel": Jeder Auftritt auf der Piazza kommt auch im Netz, dann im Fernsehen, blitzt wieder im Netz auf, dann wieder im Fernsehen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Löst die Provokation Entrüstung aus, umso besser. Es ist, als gebe es nur Salvini. Und das ist wohl einer der Hauptgründe für seinen irrsinnig schnellen Aufstieg. Das Verdienst Morisis.

Sie lernten sich kennen 2012, da war Salvini noch nicht Lega-Chef. Morisi gefiel, wie Salvini in Talkshows auftrat: selbstsicher, schlagfertig. Weil die Kassen der Lega leer waren, überzeugte Morisi Salvini, auf die neuen Medien zu setzen, das sei fast gratis. Auf Facebook hatte Salvini 18 000 Likes, zwei Jahre später 520 000, nun sind es mehr als 3,6 Millionen.

Kein europäischer Politiker ist größer auf Facebook. Auf Instagram folgen ihm 1,5 Millionen, auf Twitter 1,1 Millionen. Morisi kennt alle Tricks, damit es mehr werden, auch die technischen. Mit zehn programmierte er den ersten Computer. Später studierte er Philosophie, gründete eine Internetfirma, dozierte nebenher an der Uni Verona. Der Lega trat er mit 19 bei, wurde bald Provinzrat. Er war politisch engagiert, lange ehe er Salvini kennenlernte.

Damit das Harsche süß klingt, hängt er oft Emoticons an. Kussmünder etwa

Als 2018 Lega und Cinque Stelle ihren Koalitionsvertrag aushandelten, saß Morisi am Tisch. Und so fragt man sich, ob der "digitale Philosoph" wohl mehr ist als Webexperte. Bestimmt er etwa die politische Linie des "Capitano" mit? Kapitän, so rufen die Fans Salvini. Der Spitzname war Morisis Idee. Er brachte Salvini auch bei, möglichst oft "io" zu sagen, ich.

Morisi spielt seinen Einfluss gern herunter. Dem Talkmaster Bruno Vespa erzählte er, Salvini sei ein Naturtalent, mit sicherem Instinkt für das, was die Leute hören wollten; er müsse die Botschaften nur portionieren, verpacken, versenden. Oft versieht Morisi aggressive Posts mit rhetorischen Fragen: "Denkt ihr nicht auch?" Oder: "Was haltet ihr davon?" So schiebt er den Schwall der Kommentare an.

Um prominente Kritiker aus der Zivilgesellschaft zu verunglimpfen und zu verhöhnen, nützt Morisi alias Salvini meist dieselbe Masche: Er fordert sie auf, sich um ihren Kram zu kümmern. Wie Mario Balotelli. Der Fußballstar mit afrikanischen Wurzeln machte sich stark für das Einführen des "Ius soli", des Staatsbürgerschaftsrechts für in Italien geborene Ausländer. Auf @matteosalvinimi, dem offiziellen Twitterprofil, kam zurück: "Lieber Mario, Ius soli ist weder meine Priorität noch jene der Italiener. Renn du mal dem Ball nach."

Damit das Harsche süß klingt, hängt Morisi oft Emoticons an: Kussmünder etwa. Unlängst nahm Salvini ein Video auf, in dem er Roberto Saviano, Autor von "Gomorrha" und linker Intellektueller, triumphierend mitteilte, sein Ministerium reformiere die Kriterien für die Leibwache bedrohter Leute. Saviano steht seit vielen Jahren unter Polizeischutz, weil die Mafia drohte, ihn umzubringen. "Einen dicken Kuss an Roberto Saviano", so fing die Botschaft an. Der Europarat fand, das Video sei eine Einschüchterung.

Für einen Innenminister der Republik gehört es sich natürlich nicht, dass er seine Kritiker lächerlich macht, ihnen droht, sie Spott und Hass seiner Fans freigibt. Doch genau deshalb funktioniert die Kommunikation: Weil sie mit dem politisch Korrekten bricht, an den Eingeweiden rührt.

Morisi führt Regie. Auch die Idee mit den bedruckten Pullovern war seine Idee. Wenn Salvini in eine Stadt fährt für einen Wahlkampfauftritt, trägt er meistens Pullover mit dem Namen der Stadt drauf. Seit er regiert, trägt Salvini auch gerne Shirts und Jacken der Polizei, der Feuerwehr, der Armee. Die Botschaft: Der Chef beschützt uns und sichert unsere Grenzen. Morisi legte ihm auch nahe, den Slogan "Prima gli italiani" auszugraben, "Die Italiener zuerst".

Und natürlich war es Morisi, der ihm sagte, ab sofort bei jeder Gelegenheit mit dem Rosenkranz zu wedeln und das unbefleckte Herz Marias zu bemühen. Die Frömmigkeit kam über Nacht. Im Bunker wurde man sich wohl gewahr, dass da noch eine Wählerschaft brach liegt, die bedient werden möchte. Doch ob die den Post zu Ostern geschätzt hat? Da schaltete Morisi auf seinem Twitterkonto ein Foto, das ihn mit Salvini zeigt, der ein Maschinengewehr hält. Dazu gab es diesen Kommentar: "Habt ihr gemerkt: Die Europawahlen kommen näher, und alle werfen mit Schlamm nach der Lega, um den Capitano zu stoppen. Doch wir sind bewaffnet und tragen einen Helm! Auf geht's! Schöne Ostern." Die Entrüstung war groß, es gab sogar Rücktrittsforderungen. Besser geht's nicht.