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Russland:Hintermänner nicht vernommen, Kameras nicht ausgewertet

Der Prozess beginnt mit einem Antrag der Nebenklage. Dass die Behörden die Ermittlungen für abgeschlossen erklärten, sei rechtswidrig, sagt die Anwältin Olga Michajlowa, die gemeinsam mit Nemzows Anwalt und Freund Wadim Prochorow die Hinterbliebenen des Opfers vertritt.

Mögliche Hintermänner seien nicht vernommen, das Motiv nicht geklärt, die Überwachungskameras an der Kremlmauer - wenige Schritte vom Tatort entfernt - nicht ausgewertet worden. "Der persönliche Konflikt zwischen Ramsan Kadyrow und Boris Nemzow wurde nicht berücksichtigt." Der ehemalige Vize-Premier Nemzow war der bekannteste Vertreter der russischen Opposition. Immer wieder prangerte er die Gewaltherrschaft in Tschetschenien an.

Laut Staatsanwaltschaft handelten die Täter aus Gewinnsucht. Ein anderer Offizier des Sewer-Bataillons soll ihnen 15 Millionen Rubel versprochen haben, umgerechnet etwa 225 000 Euro. Der angebliche Auftraggeber ist zur Fahndung ausgeschrieben, konnte aber bislang nicht gefasst werden. Warum er die Täter bezahlt haben soll - danach wird nicht gefragt.

Angeklagte bestreiten Schuld

Die Angeklagten sind familiär und dienstlich auf vielfache Weise mit hochrangigen Politikern und Beamten aus Tschetschenien verbunden. Dadajews Vorgesetzter im Bataillon Sewer ist der Kommandeur Alibek Delimchanow. Dessen Bruder Adam Delimchanow sitzt als Abgeordneter aus Tschetschenien in der Staatsduma und gilt als Kadyrows Vertreter in Moskau. Der Mitangeklagte Tamerlan Eskerchanow diente in einer anderen Einheit, die von einem Bruder des tschetschenischen Senators Sulejman Geremejew geführt wird.

Alle fünf Angeklagten bestritten bei der Prozesseröffnung ihre Schuld. Sie wollen im Laufe des Verfahrens umfassend aussagen, um den Geschworenen ihre Unschuld zu beweisen.

Nemzows Tochter kritisiert das Verfahren

Schanna Nemzowa, die älteste Tochter von Boris Nemzow, wird in dem Prozess als Nebenklägerin von ihren Anwälten vertreten, reiste aber aus Sorge um ihre Sicherheit nicht selbst nach Moskau. Sie kritisierte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass Organisatoren und Auftraggeber des Mords nicht ermittelt wurden. "Meiner Ansicht nach wurde eine vollwertige Aufklärung auf der obersten Ebene des russischen Staates blockiert, weil möglicherweise eine Reihe von hochrangigen Personen in Tschetschenien beteiligt waren, darunter auch das Oberhaupt der Region, Ramsan Kadyrow", teilte sie per E-Mail mit.

Das Motiv bleibe ebenfalls im Dunkeln, erklärte die 32-jährige Journalistin. "Sie haben die Frage, warum Boris Nemzow ermordet wurde, nicht beantwortet." Die Tochter kritisiert auch, dass das Verfahren als gewöhnlicher Mordprozess geführt wird und nicht als Mord an einer öffentlichen Person. Dafür hat das russische Strafgesetzbuch einen eigenen Paragrafen. "Der Staat will nicht zugeben, dass das ein politischer Mord war - und letzten Endes eine Abrechnung mit einem Gegner von Wladimir Putin."

Selbst wenn die Angeklagten verurteilt würden: Gerechtigkeit sei erst hergestellt, wenn die wahren Auftraggeber und Motive ans Licht kämen. Sie bezweifle aber, dass das unter dem gegenwärtigen Regime möglich sei. "Wenn Morde an politischen Gegnern bei uns so geahndet werden, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich das wiederholt." Nemzowa lebt seit Sommer 2015 in Deutschland und arbeitet für die Deutsche Welle.

© SZ vom 04.10.2016/lkr
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