bedeckt München 22°

Mord an Boris Nemzow:Wo die Wahrheit in Spekulationen ertrinkt

Opposition leader Boris Nemtsov shot in Moscow

Ermittler am Tatort nahe des Kreml. Bisher wird in alle Richtungen ermittelt.

(Foto: dpa)

Wer erschoss Boris Nemzow? Die Antworten sind bisher so verschwommen wie die offenbar einzige Videoaufnahme der Tat. Theorien und Spekulationen gibt es dafür im Überfluss. Gut möglich, dass das Methode hat.

Im Fall des ermordeten russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow gibt es viele Fragen und wenige Antworten. Ein Überblick:

Was ist über den Tathergang bekannt?

Am Tag seines Todes, dem vergangenen Freitag, war Boris Nemzow von 20 bis 21 Uhr zu einem Gespräch beim liberalen Radiosender Echo Moskaus zu Gast. Das Interview, in dem Nemzow Wladimir Putins Ukraine-Politik scharf kritisierte, gilt nun als sein politisches Vermächtnis. Nach dem Gespräch aß Nemzow mit seiner Lebensgefährtin, dem 23-jährigen ukrainischen Model Anna Durizkaja, zu Abend. Anschließend gingen sie über den Roten Platz Richtung Nemzows Wohnung, die auf der anderen Seite der Moskwa liegt. Auf der Großen Moskwa-Brücke, in Sichtweite des Kreml, wurde Nemzow kurz nach halb zwölf Uhr nachts erschossen.

Ein Unbekannter feuerte aus einer Pistole vom Typ Makarow mindestens sechs Mal von hinten auf Boris Nemzow, drei Kugeln trafen ihn in den Rücken, eine in den Kopf. Der oder die Täter flohen in einem weißen Auto.

Eine Überwachungskamera hat die Tat offenbar aus großer Entfernung aufgezeichnet. Einzelheiten sind schwer zu erkennen, das Bild ist verschwommen, dazu verdeckt ein Räumfahrzeug die Sicht auf den unmittelbaren Tathergang. Bis nach der Tat der erste Streifenwagen am Tatort eintrifft, vergehen zwölf Minuten - trotz der unmittelbaren Nähe zum Kreml. Ein weiteres Video zeigt den Wagen in Nahaufnahme.

Wieso gibt es nicht mehr Videoaufnahmen?

Abgesehen von dem Überwachungsvideo sind bisher keine Aufnahmen der Tat aufgetaucht. Dabei wird der Kreml, dessen Mauern nur etwa 100 Meter vom Tatort entfernt beginnen, von unzähligen Kameras überwacht. Warum es dennoch keine Bilder gibt, darüber gibt es bisher unterschiedliche Meldungen. Die russische Zeitung Kommersant hatte am Montagmorgen zunächst berichtet, einige Kameras seien für Reparaturarbeiten ausgeschaltet gewesen, andere hätten nur unscharfe Aufnahmen geliefert. Die Stadt Moskau wies diese Berichte zurück. Später schrieb Kommersant, die Kameras seien doch alle funktionstüchtig und eingeschaltet gewesen. Das Fehlen von Bildern erklärte die Zeitung nun damit, dass keine der am Kreml angebrachten Kameras auf den Tatort gerichtet gewesen sei. Die Große Moskwa-Brücke werde von ihnen grundsätzlich nicht erfasst.

In welche Richtung ermitteln die russischen Behörden?

Das "brutale Attentat", sagte Putins Sprecher Dmitrij Peskow am Wochenende, trage die "Zeichen eines Auftragsmordes" und sei "eine große Provokation". Das oberste russische Ermittlungskomitee sagte, der "minutiös" geplante Mord sei ein "Versuch zur Destabilisierung im Land". Ermittelt werde in die unterschiedlichsten Richtungen.

Am Montag berichteten russische Medien, dass General Igor Krasnow die Ermittlungen im Mordfall Nemzow leiten wird. Seine Sonderkommission soll aus zwölf Leuten bestehen. Krasnow gilt als Experte für Verbrechen mit nationalistischem Hintergrund, seine (bisher offiziell noch nicht bestätigte) Ernennung wird somit als Indiz gewertet, die Ermittlungen könnten sich auf diesen möglichen Tathintergrund konzentrieren.

Doch die Rede von der "Provokation" und der gewünschten "Destabilisierung" des Landes soll den Verdacht auch auf andere mögliche Hintermänner lenken: Westliche Geheimdienste, die Ukraine oder sogar die russischen Liberalen selbst, die - so der krude Verdacht - einen der Ihren geopfert hätten, um den Mord Putin in die Schuhe zu schieben.

Der Chef der Kommunisten in Russland, Gennadi Sjuganow, gab im russischen Staatsfernsehen indirekt den USA die Schuld am Mord an Nemzow. "Wem nützt das Verbrechen?", fragt Sjuganow in der Sendung laut Deutschlandfunk, um dann selbst eine mögliche Antwort zu geben: "Dem Kreml nicht. Der Opposition nicht. Der regierenden Partei auch nicht. Es nützt denen, die das Bombardement Jugoslawiens organisiert haben, die die Kriege im Nahen Osten und den Maidan entfacht haben." Gemeint sind die USA.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite