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Russland:Viele Spuren führen zu Ramsan Kadyrow

Mordfall Boris Nemzow

Am Tatort in der Nähe des Kreml wird wenige Tage nach dem Mord an den erschossenen Oppositionspolitiker Boris Nemzow erinnert.

(Foto: Julius Koerbel/dpa)
  • Boris Nemzow wurde im Februar 2015 in Moskau erschossen. Dafür verantwortlich sollen fünf Männer aus Tschetschenien sein.
  • Im Prozess vor dem Militärgericht wird ihnen Mord aus Gewinnsucht vorgeworfen.
  • Der Auftraggeber des Mordes wurde bislang nicht gefasst.
  • Ein Motiv für die Tat ist ebenfalls nicht bekannt.

Von Julian Hans, Moskau und Frank Nienhuysen, München

Als am Montag im Moskauer Militärgericht der Prozess um den Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow eröffnet wird, steht draußen in der Herbstsonne ein einsamer Demonstrant mit einem Plakat: "Kadyrow zum Verhör". Mannschaftswagen der Polizei sind vorgefahren, maskierte Männer eines Sondereinsatzkommandos gehen durch die Flure des Gerichts, sie haben Hunde dabei und Maschinenpistolen.

Verhandelt wird ein einfacher Mord, bandenmäßig organisiert und ausgeführt. Aber viele Spuren führen zum Oberhaupt der Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, und im Verdacht ist damit auch der russische Staat.

Angeblich soll der Politiker für Geld erschossen worden sein

Die fünf Männer, die drinnen auf der Anklagebank hinter Panzerglas sitzen, kommen alle aus Tschetschenien. Saur Dadajew, schwarzer Vollbart, gebeugte Haltung, soll laut Anklage in der Nacht des 27. Februar 2015 um 23.31 Uhr auf der Großen Moskwa-Brücke hinter dem Kreml sechs Schüsse aus einer Makarow-Pistole auf Nemzow abgegeben haben. Vier trafen den Politiker tödlich.

"Er ist ein erfahrener Schütze, er war Soldat", sagt die Staatsanwältin. Vorher sollen die Männer den Politiker über Monate ausgekundschaftet und beschattet haben. Dafür mieteten sie konspirative Wohnungen in der Hauptstadt an, kauften Autos und besorgten Tatwaffe und Munition. Am nächsten Tag flohen die mutmaßlichen Täter in den Kaukasus.

Das Verfahren wurde an das Moskauer Militärgericht übergeben, weil Angeklagte und Zeugen in den russischen Sicherheitsorganen arbeiten. Hauptverdächtiger Dadajew war stellvertretender Kommandeur des Bataillons "Sewer", das formal dem Innenministerium unterstellt war und seit einer Reform in diesem Jahr zur russischen Nationalgarde gehört.

Aber das sind Formalien; tatsächlich gehorchen die tschetschenischen Einheiten dem Kommando Kadyrows. Der lobte Dadajew eine Woche nach der Tat öffentlich als "großen Patrioten Russlands". Nur einen Tag nach dem Lob für Dadajew, der damals schon in Untersuchungshaft sitzt, wird Kadyrow seinerseits ausgezeichnet: Präsident Wladimir Putin verleiht ihm einen Ehrenorden für "jahrelange gewissenhafte Arbeit."

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