bedeckt München 20°

Rot-Rot-Grün in Thüringen:Der Linke für die Mitte

Bodo Ramelow

Bodo Ramelow im Plenarsaal des Thüringer Landtags.

(Foto: dpa)

Für Gegner ist Bodo Ramelow ebenso schwer einzuordnen wie für seine Parteifreunde. Doch eins ist sicher: Der Mann hat in seinem Leben schon viele Kämpfe gewonnen. Gewinnt er auch diesmal, schreibt er Geschichte - als erster Ministerpräsident der Linken.

Vieleicht bekommt Attila ja eine Extradose Hundefutter, wenn alles vorbei ist. Attila ist der Jack Russell Terrier von Bodo Ramelow. Sein Herrchen will an diesem Freitag etwas werden, was noch keiner seiner Parteigenossen vor ihm geschafft hat: Er will in Thüringen - getragen von einer rot-rot-grünen Mehrheit - der erste linke Ministerpräsident Deutschlands werden.

Seine Chancen stehen nicht schlecht. Geradezu geräuschlose Koalitionsverhandlungen, eindeutige Voten der drei Parteien. Aber eben nur eine Stimme Vorsprung. Wenn die nicht reicht, weiß keiner, was passiert.

Ramelow ist Optimist. Er hat noch mal eine ausgiebige Fahrradtour mit seiner Familie gemacht, bevor es so weit ist. Eine ohne erhöhte Sicherheitsanforderungen. Einfach drauflosradeln. Wenn es klappt mit dem neuen Job, dann dürfte das für einige Jahre schwierig werden. Personenschutz ist Pflicht für einen Ministerpräsidenten.

Kleine Schritte statt großer Visionen

Ramelow ist ein Linker. Aber vielleicht muss das präziser formuliert werden: Ramelow ist Mitglied der Partei "Die Linke". Ein Linker im Sinne der ganz Linken in der Linken ist er deshalb noch lange nicht. Eher ein "Gegner". So sehen manche ihn und seine Reformer-Freunde. Er ist einer von denen, die lieber regieren und Schritt für Schritt etwas bewegen wollen, statt an den eigenen Visionen zu ersticken.

Ein gnadenloser Pragmatiker, so wird er beschrieben. Jemand der Lösungen sucht und nicht Probleme schaffen will, wo keine sind. In den Nachwendejahren hilft er die Thüringer Fleischwerke zu retten. Oder eine Brauerei zu privatisieren. Heute setzt er sich dafür ein, dass eine Billig-Hotelkette am Erfurter Hauptbahnhof ein Haus eröffnen kann.

Nicht mal auf das Grundsatzprogramm seiner Partei lässt er sich noch verpflichten. Er will keine Systemfragen stellen. Er sei "nicht der Vertreter der Linken in der Staatskanzlei, sondern der Ministerpräsident einer Dreierkoalition", hat er jüngst der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung verraten. Einem Blatt, mit dem Manche in der Partei nie und nimmer reden würden. Von wegen bürgerliche Presse.

Den Hauptschul-Abschluss schafft er nur knapp

Seine Botschaft: Erst das Land, dann die Partei. Im Wahlkampf plagiierte Ramelow einen Spruch von Gerhard Schröder, der dem unter Linken verhassten Agenda-Erfinder 1998 zum Wahlsieg und damit ins Kanzleramt verhalf: "Es muss nicht alles anders werden, aber wir können vieles besser machen." In der Linken macht sich keiner mit so etwas Freunde. Da spricht einer, der es gewohnt ist, gegen Widerstände zu kämpfen.

Am 16. Februar 1956 wird Bodo Ramelow im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck geboren. Als er elf ist, stirbt sein Vater. Gelbfieber. Ein böses Mitbringsel von der Front. Das bedeutet für ihn, früh Verantwortung zu übernehmen. Auch für seinen älteren Bruder, der dennoch schwächer ist als er. Er hat sich durchgekämpft. Überall. Seine Mutter schlägt ihn mit der Peitsche. "Es waren Gewaltorgien", sagt er heute. Auch in der Schule: Kampf. Für seine Mutter zeigt er Verständnis: "Vier Kinder, kein Einkommen, der Mann todkrank. Und dann der faule Sohn. Sie war überfordert". Psychologen helfen, die Gewalt zu verarbeiten. Soweit das geht.

Nur mit Ach und Krach schafft er den Hauptschulabschluss. Was erst später entdeckt wird: Ramelow leidet unter einer erheblichen Rechtschreibschwäche. Rechnen kann er. Schreiben nicht so gut. Er wird Kaufmann. Ausbildung bei Karstadt. Fleischtheke. Blut, Gedärme, Fell abziehen, das ganze Programm. Stolz ist er auf seinen Job, das Unternehmen. Er schließt als bester Lehrling ab.