Coronavirus:RKI: Schulen eher nicht "Motor" der Pandemie

Coronavirus - Impfung von Lehrer und Kita-Beschäftigten

Ansteckend oder nicht? Präsenzunterricht in Corona-Zeiten ist umstritten.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Wenn eine hohe Inzidenz herrscht, sind einem Bericht des Robert-Koch-Instituts zufolge am Ende auch die Bildungseinrichtungen betroffen, doch Ausbrüche an Schulen blieben in Deutschland in der Regel klein. Verantwortlich für Infektionen seien häufig nicht Schüler, sondern Lehrer.

Von Christina Berndt

Schulen sind zum großen Streitthema in der Corona-Pandemie geworden. Während die einen sie für einen wesentlichen Infektionsort halten, meinen andere, Bildungseinrichtungen ohne größeres Risiko wieder öffnen zu können - auch zum Wohle der Kinder, die nachgewiesenermaßen unter den Schulschließungen leiden.

In einem aktuellen Report geben Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) der zweiten Gruppe recht: Schülerinnen und Schüler würden "eher nicht als ,Motor' eine größere Rolle spielen", schließen die Experten in der am Donnerstag veröffentlichten Publikation, für die sie Meldedaten aus Deutschland und internationale Studien ausgewertet haben.

Die Infektionszahlen in der Umgebung sind maßgebend

Eines der wesentlichen Ergebnisse der umfassenden Analyse ist: Wenn in der Umgebung von Schulen hohe Infektionszahlen vorherrschen, sind am Ende auch die Schulen betroffen, sie sind aber eher nicht die Ursache der hohen Inzidenz. So begannen die Infektionszahlen in Deutschland in den jüngeren Altersgruppen bis etwa 15 Jahre immer erst dann zu steigen, wenn sie bei den Erwachsenen schon mehrere Wochen lang erhöht waren.

Schülerinnen und Schüler stecken sich demnach auch mit Coronaviren an, aber ihre Infektionen laufen denen der anderen hinterher. Es "scheint also im aktuellen pandemischen Ge­schehen keine substanzielle treibende Kraft von die­sen Altersgruppen auszugehen, obgleich auch hier Übertragungen stattfinden und Ausbruchsgesche­hen wirksam verhindert werden müssen", folgern die RKI-Experten.

Oft sind die Lehrer die Ursache für Ausbrüche

Verantwortlich für die Infektionen an Schulen, die es in Deutschland seit dem Ende der Sommerferien gab, waren hingegen überproportional häufig die Lehrerinnen und Lehrer. Sie waren in etwa der Hälfte der Ausbrüche, die es unter Sechs- bis Zehnjährigen gab, der vermutete Primärfall; in den Gruppen älterer Schüler ging immer noch jeder fünfte Ausbruch von einem Lehrer aus. "In sieben Prozent aller Ausbrüche wurde sogar ausschließlich Lehrpersonal als Fälle über­mittelt", schreiben die RKI-Forscher.

Insgesamt trugen Lehrerinnen und Lehrer somit im Vergleich zu den sechs- bis zehnjährigen Schülern ein fast sechsfach erhöhtes Risiko, Teil eines Schulausbruchs zu sein. Je älter die Schüler waren, desto größer wurde ihre Beteiligung. Dies entspricht auch internationalen Erfahrungen.

Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, dass Lehrer in der Schule mehr Kontakte haben als Schüler. Sie kommen mit mehr Klassen zusammen und vor allem auch mit mehr Erwachsenen, nämlich ihren Kollegen. Wahrscheinlich sei nicht nur die Empfänglichkeit von Erwachsenen für eine Infektion größer als von Kindern, sondern auch ihre Infektiosität, heißt es in dem Bericht.

Die Ausbrüche an Schulen waren in der Regel klein

Doch blieben Ausbrüche in Schulen in Deutschland üblicherweise klein. Zwar kamen vereinzelt auch größere Ausbrüche - in einem Fall sogar mit 55 Beteiligten - vor, doch waren in der Regel nur drei Personen insgesamt betroffen. Dies deckt sich ebenfalls mit internationalen Erfahrungen.

Es heißt zwar oft, dass Schüler nun einmal seltener getestet werden, da eine Sars-CoV-2-Infektion bei Kindern häufig symptomlos verlaufe. Dadurch würden möglicherweise positive Fälle unter Kindern übersehen und die Größe von Ausbrüchen unterschätzt. Doch die RKI-Forscher kommen zu dem Schluss, "dass dieser Fehler vermutlich nicht substantiell groß ist". Das lege auch eine große Studie aus Österreich mit mehr als 10 000 Schülern und Lehrern von 245 Schulen nahe.

Schulöffnungen sollten daher von der regionalen Gesamtinzidenz der Bevölkerung abhängen, folgern die Wissenschaftler aus ihren Analysen, und nach Altersgruppen priorisiert erfolgen. Für ältere Schüler und Schülerinnen sei zudem eine Verkleinerung der Klassenstärke durch Wechsel- oder Hybridunterricht "eine gute Option".

Mit den neuen Virusvarianten könne sich die Situation allerdings ändern. Zwar sei etwa die britische Mutante B.1.1.7 anders als anfänglich angenommen nicht besonders ansteckend für Kinder und Jugendliche, aber sie scheine mit ihrer höheren Infektiosität alle Altersgruppen gleichermaßen zu betreffen. Das könnte bedeuten, dass Schulen künftig "einen größeren Beitrag zum Infektionsgeschehen spielen könnten, was wiederum bei den Überlegungen zu Öffnungen berücksichtigt werden sollte", heißt es in dem Bericht.

"Der Bericht des RKI steht im Einklang mit den Berichten etwa der US-Gesundheitsbehörde CDC und deren europäischen Pendants ECDC", sagt Johannes Hübner. Der stellvertretende Direktor des Haunerschen Kinderspitals der Universität München setzt sich seit Langem gemeinsam mit Kollegen und Fachgesellschaften für Schulöffnungen ein und hat immer wieder auf die internationale Datenlage verwiesen.

Auch eine kürzlich veröffentlichte Leitlinie zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen, an der Public-Health-Forscher ebenso wie Kinderärzte und RKI-Mitarbeiter beteiligt waren, kam zu dem Schluss, dass sich Schulen öffnen lassen, wenn Hygienemaßnahmen konsequent umgesetzt werden, Schulstunden versetzt beginnen, Klassen verkleinert werden und Jahrgänge getrennt bleiben.

Vor allem Lehrer sind gefordert

Vor allem müssen aber auch die Lehrer untereinander - etwa im Lehrerzimmer und in ihrem Privatleben - Hygienevorschriften einhalten. Es könnte zudem sinnvoll sein, Lehrerinnen und Lehrer vorrangig zu impfen, damit die Infektionen aus den Schulen ferngehalten werden, folgern US-Wissenschaftler in einer aktuellen Analyse von Ausbrüchen an Grundschulen in Georgia.

Auch hier war deutlich geworden, dass es die Pädagogen sind, von denen die größte Infektionsgefahr in Bildungseinrichtungen ausgeht. "Auch wenn dies für Schulöffnungen nicht unbedingt nötig ist, sollten Covid-Impfungen als mögliche zusätzliche Maßnahme in Erwägung gezogen werden", heißt es in dem Papier.

Hinweis der Redaktion: Der Text wurde nach Veröffentlichung noch um einen Absatz zu den neuen Mutanten ergänzt.

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